166 Aliso in seiner Verknüpfung mit der Heldensage
Da ist nun folgende Beobachtung von aufklärender Bedeutung: Wenndie historischen Kriegsberichte uns nichts melden über den Fluß Rune, wohlaber über die Lippe; und wenn weiter bei den Epikern die Rune in derselbenWeise erscheint wie dort die Lippe, ist dann nicht der Schluß berechtigt,daß die Rune nur eine Umschreibung für Lippe ist? Der Grund derBenennung ist ebenso klar und einleuchtend: Die „Rune", ein Fluß inSpanien bei Pamplona, war den Lesern aus den früheren Kriegenbekannt; um nun den Lesern eine Anschauung von der Lippe zu ver-schaffen, wäre eine besondere Erläuterung am Platze gewesen, darum setzteder Dichter Jean Bodel in seinem „Sachsenlied" einfach dafür die „Rune" ein.Und haben wir nicht heute noch in den Vodelschwinghschen Anstalten in Bethelbei Bielefeld denselben Vorgang vor Augen? Sind nicht Sarepta und Naza-reth, Gilead und Saron und alle die übrigen Namen aus Palästina nachWestfalen übertragen, wo sie jedem Kenner der biblischen Geographie sofortverständlich sind?
Wer aber den fränkischen Sprachgebrauch für unsere Gegend an derLippe, an der auch die Karlsburg gelegen hat, näher kennenlernen will, denverweise ich auf die ausgezeichnete Schrift von M. Rempis, „Die Vorstel-lungen von Deutschland im altfranzösischen Heldenepos und Roman und ihreQuellen" (in: Zeitschr. für roman. Philologie. Beihefte. 34. Heft. Verl. Halle,Saale, M. Niemeyer 1911).
Ich möchte den dort beigebrachten Beispielen noch eins hinzufügen. Bodelkennt zwischen Köln und Dortmund, das bei ihm Tremoigne heißt, einefränkische Station unter dem Namen Abroine, für die man vergeblich nachAnklängen in heutigen Ortsnamen gesucht hat. Ich nehme an, daß Abroineauch in gleicher Weise an der Entlehnung aus der Bibel teil hat; es istAbrona, die 31. der Lagerstätten Israels auf seinem Zuge aus Ägypten nachCanaan (4. Mose 33, 34 f.). Es ist also klar, daß uns die Epiker nur sagenwollten, es handle sich um Heidenländer rechts vom Niederrhein; unddiese Neigung, die Bibel zur Grundlage zu nehmen, war so durchschlagend, daßman sich auch sonst an sie hielt und sogar die Farbe von dort entlehnte:Da die Heiden aus dem Mohrenlande dunkelfarbig, wohl gar schwarz seinmußten, erschienen die blondhaarigen Sachsen ebenfalls in dieser Farbe,obwohl sie deutsch („Tiois") sprachen. Damit hat doch der Dichter uns selbstden Schlüssel zur Deutung in die Hand gegeben: Daß er nämlich nichtvon ferne daran gedacht habe, uns nach Vorderasien oder Afrika zu versetzen
Wir haben aber heute noch Anklänge an diese Anschauungen auch beiOberaden. „Ägypten", das eben auch nichts anderes bedeutet als „Land derHeiden"; noch heute heißt die Verlängerung des südlichen Hünenpads„schwarze Hecke". Auch eine Notiz bei v. Steinen Wests. Gesch. XII StückS. 912 scheint einen leisen Nachhall dieser altüberlieferten Volksbezeichnungm enthalten, wenn er schreibt: „es ist aber auch ein Rittergeschlecht v. Aden,welches einige recht thöricht von der fürnehmen Handelsstadt in dem edlenArabien, Aden geheißen, herleiten wollen, gewesen, welches Hieselbstgewohnt hat." —
Nunmehr dürfen wir wieder auf die Anschauung zurückkommen, daßdie Franken aus „Panni a" gekommen seien. Sie ist ein Bestandteil einerÜberlieferung, die uns an anderer Stelle ebenfalls in einer Form begegnet,