148 Aliso nach der Varusschlacht und in spätrömischer Zeit
Um so kampflustiger rückt der Cäsar weiter in das Innere, er verheert dasLand und vernichtet den Feind, der keinen Zusammenstoß wagte, oder, wenner irgendwo Widerstand leistete, sogleich verjagt ward und zu keiner Zeit,wie man von den Gefangenen erfuhr, größere Furcht gehabt hatte. Dennals unbesiegbar und gewappnet gegen jedes Geschick priesen sie die Römer,die nach Vernichtung ihrer Flotte, nachdem sie ihre Waffen verloren, nachdemRosse und Männer mit ihren Leichen die Gestade bedeckt, nun doch mit der-selben Tapferkeit, gleichem Ungestüm und als hätte ihre Zahl sich gemehrt,über sie hereingebrochen wären." Soweit Tacitus.
So hatte sich herausgestellt, daß nicht in abenteuerlichen, verlustreichenUnternehmungen zur See, sondern in der Behauptung und dem weiterenAusbau des Grenzschutzes an der mittleren Lippe die Sicherheit für Romgegeben war. War man im wesentlichen damit auch wieder zum Anfang derDrususzeit zurückgekehrt, so konnte doch die unmittelbare Gefahr für daslinke Rheinufer als beseitigt angesehen werden. Aber die Zwietracht derGermanen, die sich in endlosen Bürgerkriegen entlud, kam den Römern sehrgelegen und gerade zur rechten Zeit. So wissen wir, daß namentlich unterden Cheruskern die beiden Parteien der Römerfreunde und Römer-feinde sich aufrieben in nicht endenwollendem Bürgerkrieg. So kann uns nochTacitus melden, daß sie, einst wegen ihrer Tapferkeit gefürchtet, bald die„Trägen" genannt wurden, die zu keinen größeren Entschließungen mehr fähigwaren. Sie hatten nur einmal einen Armin erlebt. Warensomit die Römer nach Osten hin gegen kriegerische Unternehmungen gesichert,so auch gegen Norden. Als die Brukterer in furchtbarem Bürgerkrieggegen die umwohnenden Stämme fast aufgerieben wurden, beteiligten sich andiesem auch römische Truppenaufgebote. Im Süden aber wurden die Chat-t e n von Mainz aus in Schach gehalten. Ganz zutreffend urteilt daher auchSadee, daß schon allein diese verworrenen Zustände rechts vom Niederrhein,nämlich das Raubwesen, die Fehden der Germanen und das Andringen land-suchender Völker die Besetzung des rechtsrheinischen Uferstrichs in erheblicherBreite nötig machten. Waren nun einmal die Germanen durch den letztenVorstoß des Germanicus gründlich eingeschüchtert, so mochten sie jetzt auch dieGrenzsicherung im Flußgebiet von Lippe und Ruhr mit Staunen und Zurück-haltung betrachten.
Darum mochte sich bald die Tätigkeit der Besatzung auf Polizei-dienst beschränken. Es handelte sich darum, von den Türmen aus dasGelände im Auge behalten. Aber auch für Kampfhandlungen größerenStils war man gerüstet. Kam es wirklich zu einem Vormarsch von Osten her,also aus der Gegend von Werl über Heeren gegen die westliche Linie, sodienten die an den Ost-West-Straßen aufgerichteten Türme als Meldestationenzum Rhein, wo die Legionen in den Standquartieren von der nahendenGefahr benachrichtigt und herbeigerufen werden konnten. Über solche größereKampfhandlungen sind wir aus dem Jahre 41 unterrichtet, wo wir hören:„In diesem Jahre besiegte Sulpicius Galba die Chatten, Publius Gabiniusaber besiegte die Marsen und brachte auch den Adler, der als letzter noch vonder Varianischen Niederlage her bei ihnen war, wieder zurück. Wir erinnernin diesem Zusammenhang an die Scherbe aus dem Uferkastell an der Lippebei Veckinghausen, die nach Koenens Gutachten in die Spätzeit des Tiberius