Das Kastell Aliso als Limeskopf östlich Oberaden 147
zugleich Tiberius feindlichen Quelle folgt. Deshalb erscheinen bei Tacitus dieUnternehmungen an der Lippe als Nebenhandlungen. Aber wir können docherkennen, daß sie die Durchführung eines Programms bilden, das Tiberiuslängst als die Grundlage der späteren Politik bestimmt hatte. Es ist dahergar nicht seine Absicht gewesen, noch einmal zu den Kriegsplänen des Drususzurückzukehren. Weder von der Elbe noch von der Weser stand etwas inseinem zukünftigen Beherrschungsplan, sondern nur von der Lippe und demElison, der heutigen Seseke. Auch wenn die Kriegszüge des Germanicusnicht diesen kläglichen Ausgang genommen hätten, wäre das TiberianischeProgramm der weisen Beschränkung auf das Erreichbare zur Ausführunggekommen. Wie gesagt: es ist die alte Sugambrerpolitik, die vonjeher mit Aliso verknüpft war und nun auch durch das vorgeschobeneKastell, das den großen Namen ererbte, und die Grenzsicherung indiesem Sinne weitergeführt wird. Der Kaiser kannte zudem das Geländezwischen Aliso und dem Rhein aus seinen eigenen Kriegszügen; er wußte,daß die Gegend um Aliso in jeder Hinsicht, nicht zuletzt auch wegen destapferen Durchhaltens des Platzes im Jahr des Verrates, sich eignete zurWiederaufrichtung der Römerherrschaft in zwar engeren, abererfolgreich zu verteidigenden Grenzen. Als Germanicus 16 n. Chr. den Aus-bau dieses Systems im Gelände besorgte, ahnte er wohl selbst kaum, daß erim Dienst einer friedlichen Politik arbeitete, für deren Fortführung er nichtbestimmt, auch nicht geeignet war. Und weil nun in Germanien keine Lor-beeren mehr zu pflücken waren, war auch kein Platz mehr da für kaiserlichePrinzen vom Schlage des Germanicus. Solchen und deren Unternehmungengalt auch das Interesse der Historiker, die doch mehr oder weniger Tendenz-schriftsteller waren, bereit, ihre hohen Gönner zu verherrlichen, nicht abergeneigt, über Zeiten des Friedens und die Verwaltungstätigkeit der Beamtenam Rhein zu berichten.
Dennoch fehlt es uns keineswegs an Zeugnissen, die uns Anhaltspunktegeben auch für die Zeit nach Abberufung des Germanicus. Sie sind unsjetzt, wo sich mit ihnen die Scherbenfunde einen, doppelt willkommen.Was würde heute wohl ein Mommsen sagen, der vor soviel Jahrzehntenschon lediglich aus den Quellen die Tatsachen folgerte, die heute durch Boden-funde in so klare Beleuchtung treten? Wir haben nun einen sehr wertvollenBericht über eine erste glänzend bestandene Probe für die kriegerische Brauch-barkeit des soeben fertiggestellten „Limes des Tiberius". Wenn dabei auchdas Kastell Aliso nicht genannt wird, so muß es doch eine wichtige Rolle beidieser Unternehmung gespielt haben. Doch hören wir, was Tacitus berichtet:„Das Gerücht vom Verluste der Flotte ermutigte die Germanen, von neuemHoffnung auf den Krieg zu setzen, den Cäsar, ihn niederzuhalten. Dem CajusSilius befiehlt er, mit dreißigtausend Mann zu Fuß und dreitausend Reiterngegen die Chatten zu ziehen; er selbst bricht mit größerer Streitmacht in dasLand der Marsen ein. Ihr Anführer Mallovendus, der sich vor kurzemunter unsere Votmäßigkeit gestellt hatte, zeigte ihm an, in dem nahenHaine sei der Adler einer der Legionen des Varus vergraben und werde voneinem nicht sonderlich starken Posten bewacht. Augenblicklich ward Mannschaftabgeschickt, um die Feinde von vorn herauszulocken; andere sollten hinten umsie herumziehen und den Boden aufgraben; beiden war das Glück günstig.
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