146 Aliso nach der Varusschlacht und in spätrömischer Zeit
dem Titel: „Einiges zur Geschichte des rechtsrheinischen Vorgeländes vonVetera in der Kaiserzeit seit 16 n. Chr." den Satz an die Spitze: „Alisohat auch nach 16 n. Chr. weiterbestanden." Wir setzen natürlichhierfür jetzt die durch die Funde im Seseke-Körne-Winkel gewonnene Zoneein. Es hat sich sicher bei Germanicus 16 n. Chr. um Ausführung einesausgearbeiteten Programms des Tiberius gehandelt. Wenn nun gefolgertworden ist, daß mit der Abberufung des Germanicus auch das römischeMilitärgebiet an der Lippe geräumt worden sei, so nötigen uns dazu wederdie Ausgrabungsergebnisse noch unsere Quellen. Es mag sein, daß Haltern,dessen Geschichte wir ja schon mit der Varianischen Zeit in der Hauptsache alsbeendet ansehen mußten, für noch spätere Zeit nicht mehr in Frage kommt;das schließt nicht aus, daß der bleibende Stützpunkt östlicher zu suchen ist.Wie es scheint, war der Kriegszug des Jahres 16 für Germanicus eineZugabe, nachdem das Vorjahr schon seine Unfähigkeit erwiesen hatte. Nunberichtet freilich Tacitus: „Es galt für unzweifelhaft, daß der Feind wankteund daran dachte, um Frieden zu bitten, und daß der Krieg, wenn noch dernächste Sommer hinzugenommen würde, zu Ende gebracht werden könnte."Dennoch werden wir, wenn wir Tacitus selbst, der uns von so vielen Fehl-schlägen des Germanicus zu berichten weiß, ernstlich beim Wort nehmen,zugeben müssen, daß Tiberius nicht aus Mißgunst gegen Germanicus, sondernaus durchaus sachlichen Erwägungen den römischen Angriffskriegen ein Endemachte. Das lesen wir auch aus den Worten des Tacitus heraus: „Doch durchhäufige Briefe mahnte Tiberius, er möchte heimkehren zu dem ihm zuer-kannten Triumphe; es sei schon genug der Erfolge, genug der Zufälle. Glück-liche und große Schlachten könnte er aufzählen; aber auch an die Verlustemöchte er denken, die Wind und Wetter ihm zugefügt hätten, nicht verschuldetdurch den Anführer, aber doch schwer und bitter. Neunmal von Augustus nachGermanien geschickt, habe er mehr durch Klugheit ausgerichtet, als durchGewalt. So seien die Sugambrer gewonnen, so die Sueven, und KönigMaroboduus von den kriegerischen Gedanken zurückgebracht worden. Auchdie Cherusker und die übrigen rebellischen Stämme könne man, nachdem mangenugsam bedacht gewesen, Rom zu rächen, ihren inneren Streitigkeitenüberlassen."
Decken wir von diesem Abruf die übermalende Schicht der Höflichkeits-formeln ab, so stellt sich uns der tatsächliche Sachverhalt folgendermaßen dar:Einstellen der Angriffskriege und deshalb Versetzung desHöchstkommandierenden auf einen anderen Kriegsschauplatz, Umstellungder römisch-germanischen Politik auf Abwehr durch Beschränkung auf dasschon früher von Tiberius gewählte und als bewährt erfundene Mittel derSugambrerpolitik einerseits und der Schürung der Zwietracht unter den Ger-manen andererseits. Auch die Einschätzung der zur „Abwischung der Varia-nischen Schmach" geführten Rachekriege ist bemerkenswert, indem wir sehen,wie selbstgenügsam die Römer geworden sind. Wir erkennen jetzt noch deut-licher, daß des Tiberius Kriegsziel von Anfang an, sobald er nach dem Zu-sammenbruch das Oberkommando am Rhein übernommen hatte, auf Ver-knüpfung Alisos mit dem Rhein gerichtet war; daß also die Gegenddes Lippe-Seseke-Winkels Mittelpunkt der späteren Verwaltung werdensollte. Wir müssen bedenken, daß Tacitus einer Germanicus freundlichen, aber