144 Aliso nach der Varusschlacht und in spätrömischer Zeit
Westoststraßen und unter den uZgeies die Querlinien oder abschließendenGrenzen verstehen sollen. Da, wie in so vielen Fragen, auch hier die Ent-scheidung nicht mit sprachlichen Mitteln gefunden werden kann, ist es nunwohl erlaubt, auf Grund des von uns ermittelten Bildes des Grenzabschlusseswenigstens einen Veitrag zur Lösung der Frage beizubringen. In der Tatmag es sich um solche Straßen von gewaltigen Ausmaßen handeln, bei denen,wie wir schon andeuteten, der Damm in der Mitte Möglichkeit zum Aufstellender Geschütze, die Begleitstreifen zum Marschieren in breiter Front boten.Sicher verdanken die Römer, wie auch Oxe in seiner lichtvollen Abhandlungdeutlich macht, dieser glücklichen Vereinigung von Marsch- und Angriffs-bzw. Verteidigungsmethode ihre weiteren Erfolge. Wir glauben auch an dereinen, von uns schon genannten Stelle in Niederaden, westlich der römischenSesekebrücke, diese Breite noch heute, wenigstens aus den Angaben derBevölkerung erschließen zu können. Hier nämlich wurde mir vor 25 Iahrendie Breite des „Hünenpades" auf 8V irr angegeben. Wenn nun das Wortliiries in seiner Urbedeutung mit Streifen (Gürtel liinrm) zusammenhängt,so wäre ein solcher „Hünenpad" damit trefflich gekennzeichnet. Und wenn wirsomit für diese West-Ost-Linie auch einen sehr passenden und volkstümlichendeutschen Ausdruck gefunden haben, wie er anschaulicher wohl kaum gebotenwerden kann, so dürfen wir nun noch eine letzte Frage stellen: Sollten nichtdie „Teuten" die vom Volke selbst gewählte Bezeichnung für dieugZei-es sein? Dann hätte also das Volk, das in seiner Phantasie sicheingehend und lebhaft mit diesen Römerwegen und Grenzdämmen beschäftigthat, gesagt, daß der Heidenkönig, der über märchenhaste Reichtümer verfügte,sein Reich mit einer „Teufelsmauer" abschloß, die aber in drei gleichlaufendenGrenzlinien in Form von Teuten bestand und somit von wunderbarer Festig-keit war. „Heidenkönig" >— „Goldäcker" — „Hünenpädde" — „Teuten" —„Burg" vereinigen sich noch einmal zum Gesamtbild, das uns wie eine Aus-legung erscheint, die uns die Volkskunde selbst gibt zu einem bislang so heißvon der Wissenschaft umstrittenen wichtigen Punkt der Alisoforschung.
Doch es sei ferne, daß wir mit diesem Aufruf an das „Wissen desVolkes" — das ist Volkskunde — der Auseinandersetzung mit der Fachwissen-schaft aus dem Wege gehen wollten, wo ich ja selbst immer wieder i h r Urteilangerufen habe. Gerade im Rahmen der uns durch das berühmte Kapiteldes Tacitus (Ann. II, 7) gestellten Fragen, die letzten Endes alle auf dasProblem der für Aliso zu beanspruchenden Dauer hinauskommen und imGegensatz zur vielfach bisher vertretenen Auffassung dem berühmten Platzeinen viel längeren Bestand zuspricht, geben wir jetzt wieder dieserWissenschaft das Wort und hören, was sie über Aliso nach Abberufung desGermanicus zu sagen weiß.
„Erst wenn Aliso einmal wirklich gefunden ist, werden seine Scherbenund Münzen uns über die Dauer der militärischen Anlagen der Römerrechts des Niederrheins Aufklärung schenken" — mit diesen Wortenschließt ein Aufsatz von Prof. Dr. Sadee: „Über den Stand der Alisofrage"in den Bonner Jahrbüchern Nr. 130 (Jahrgang 1925). Ich füge sofort einenzweiten Satz desselben Verfassers hinzu: „Die Lippelinie behielt ihremilitärische Bedeutung. Es wäre demnach nicht undenkbar, daß manauch an Stelle von Aliso einen neuen Stützpunkt gegründet hätte; wenn ja,