146 Aliso nach der Varusschlacht und in spätrömischer Zeit
Trifft aber eine Übereinstimmung auch zwischen dem 16 n. Chr. ge-nannten Lippeuferkastell und dem Kastell an der Lippe bei Beckinghausennicht zu, so bleibt nur die eine Möglichkeit, daß wir, weil wir ja nuneinmal unbedingt an die Lippe und zwar an das linke Lippeufer, ja an dassüdlichste Lippeknie gebunden sind, das Lippeuferkastell des Jahres 16 n. Chr.westlich des Veckinghäuser Kastells suchen müssen. Es steht uns dafürdann kein großer Spielraum mehr zur Verfügung, weil nicht nur engsteVerbindung mit der Lippe, sonöern auch mit der südlippischen Heerstraße,dem Limes des Tiberius, angenommen werden muß. Da nun gleich westlichLünen die Lippe eine scharfe Wendung nach Nordwesten nimmt, so müßtetatsächlich bei Lünen das Kastell angenommen werden. Dann können wirfür den Limes drei Bauperioden unterscheiden, die sich auf die Jahre 16—16n. Chr. verteilen und uns zeigen, mit welchen Etappen der Straßenbau voran-schritt. 14 n. Chr. beim Marsenzug ist die Straßenanlage noch unvollendetund erst begonnen, wie uns die Worte: liirrilerir u Tiderio coeptrun . . .deutlich machen: es fehlte nicht nur der von Anfang an östlich des Lippekniesin Aussicht genommene Limeskopf, sondern es war auch die Verbindung mitder Lippe, dem Lippeknie noch nicht in der Weise erreicht, wie es nach demneuen Tiberianischen Sicherungssystem beabsichtigt war: sonst hätte Germa-nicus nicht die seitliche Abschwenkung nach Südosten in der RecklinghäuserGegend zu machen brauchen.
Aber die Germanen erkannten die Absichten, nach denen in Form einervorzuschiebenden Kastellkette die Römerherrschaft neu begründet, befestigt undausgebaut werden sollte. Darum steckt auch mehr hinter den Worten desTacitus: „auf den gewohnten Weg gaben die Germanen acht". Siehatten offenbar selbst einen regelrechten Wachtdienst eingerichtet und sich inden alten römischen Etappen festgesetzt. Im folgenden Jahre 16 n. Chr., indem wir Cäcina im mittleren Lippegebiet mit den Marsen kämpfen sehen,die für den Mordbrennerzug von 14 Rache nehmen wollten, ist offenbar auchdas Lippekastell neu hergerichtet und mit einer dauernden Besatzung belegtworden. Selbstverständlich müssen wir nun auch die Heerstraße als bis indie Lünener Gegend weitergebaut annehmen. Damit war aber auch fürdie Germanen der Augenblick gekommen, wo sie sich nicht nur auf Ausstellungvon Beobachtungsposten beschränken, sondern offen zum Angriff übergehenmußten. Es galt nicht nur, die Römer von dem strategisch wichtigen südlichenLippeknie zu vertreiben, sondern auch die weitere Vorschiebung der Etappenzu verhindern. Denn auch den Deutschen muß sich nun der Plan des Tiberiusfür die Rückgewinnung der Lippe-Seseke-Zone immer deutlicher enthüllt haben.Deshalb hatten die Belagerer des Lippekastells auch auf ihrem Hermarsch beiBudberg-Büderich das im Vorjahr (16) auf dem Varianischen Vlachfeld er-richtete Ehrenmal und im Lippe-Seseke-Winkel selbst den alten Drususaltarzerstört, um keinen Zweifel darüber zu lassen, daß sie die Wiederaufrichtungder Drususpolitik und überhaupt eine weitere Vorschiebung der Heerstraßeund der sie sichernden Kastellkette nimmermehr dulden würden. Mit welchemNachdruck die Germanen, vielleicht wieder unter Führung des Armin, sichdem ganzen Rückeroberungsplan in den Weg stellten, geht schon aus demgewaltigen Aufgebot von sechs Legionen hervor, mit dem es Germanicusgelang, die Belagerer vom Lippekastell zu vertreiben und noch mehr zu