138 Aliso nach der Varusschlacht und in spätrömischer Zeit
von diesem Morden und Brennen in einem „Umkreis von 5V Meilen", alsoan der mittleren und unteren Ruhr und in den Flußtälern der Lenne, Volmeund Ennepe, abwenden, so bietet uns doch der Zug wertvolles Material zurBeranschaulichung des römischen Straßen- und Kastellbaues an der Lippein der Zeit der letzten Statthalterschaft des Tiberius und im Anfang derVerwaltung des Germanicus. Da ist es denn Tiberius selbst gewesen, derden alternden Kaiser Augustus von dem ernsten Stand der Sache überzeugthat. Und tatsächlich waltete unter Tiberius der Geist weiser Beschränkungauf das Erreichbare. Wie weit Tiberius darin gegangen ist, läßt uns heutebei Haltern noch der Spaten erkennen, wo uns die Archäologen sagen, daßin den bisher aufgedeckten Anlagen sich nur ganz geringe Spuren einernachvarianischen Benutzung des Platzes nachweisen lassen. So faßt dennauch Herr Or. Löschcke sein Gutachten über den wichtigen Römerplatz ander Stevermündung dahin zusammen, daß sich Bodenfunde aus nach-varianischer Zeit nur in ganz geringer Zahl hätten in Haltern feststellenlassen. Es müsse also angenommen werden, daß mit dem Jahre 9 in derHauptsache die Geschichte dieses Römerplatzes zu Ende sei.
Wenn wir nun doch für die Zeit des Tiberius und Germanicus eine regeTätigkeit annehmen müssen, so kann nur das linke Lippeufer, aber auch hiernur bis in die Gegend des südlichen Lippeknies Schauplatz der großenStraßenbauten gewesen sein. Tatsächlich sind sie uns durch den Zug desGermanicus gegen die Marsen bezeugt. Nur so, daß er auf der von Tiberiusbegonnenen Heerstraße so schnell vordringen konnte, war es ihm möglich,solches Morden anzurichten. Es hat sich bei diesen Heerwegen um breite,streifenähnliche Straßen gehandelt, die aus drei Teilen bestanden; in der Mittewar die Straße dammartig erhöht, so daß von hier aus der Feind wirksamangegriffen, auch mit Geschossen aus den Wurfmaschinen überschüttet werdenkonnte. An den Seiten des Dammes zogen sich breite Begleitlimites hin.So war für Schutz gegen plötzlichen Überfall ebenso wirksam wie für schnellesVorwärtskommen gesorgt. Wir merken deutlich, wie die Römer aus denschrecklichen Erfahrungen der Teutoburger Schlacht ernste Lehren gezogenhatten. Daß diese breite Straße mit größter Gründlichkeit gebaut wurde,beweist die Tatsache, daß sie im Jahre 14 n. Chr. noch nicht fertig ist, sondernals „noch im Bau begriffen" erscheint. Ebenso deutlich wird uns, daß dieDeutschen, wohl ahnend, welche Gefahr ihnen drohte, alles taten, um sichgegen die Vorschiebung dieser neuen Kastellkette zu rüsten. Das geht alleinauch schon aus der Angst des Germanicus hervor, die ihn veranlaßte, nurdie ausgebaute Strecke zu benutzen und ein Zusammenstoßen mit den aufder Hut befindlichen Feinden und ihren Beobachtungsposten zu vermeiden. DerWeiterbau an dem großen Werk ruhte aber nicht. War 14 n. Chr. die ge-waltige Einbruchlinie noch unvollendet und wird sie uns erst 16 n. Chr. alszu Ende geführt bezeichnet, so muß für das Jahr 15 angenommen werden,daß sie fortgeführt worden ist. Somit verteilen sich für den Beginn, denWeiterbau und den Abschluß dieses „Limes des Tiberius" die Arbeiten aufdie Jahre 19—16 n. Chr.
Da nun von Anfang an Aliso als Kopfstation des großen Unternehmensgeplant ist, das entsprechend der ganzen Tiberianischen Sicherungspolitik aufdem kürzesten Wege mit dem Rhein verbunden werden sollte, so