Die erfolglose Belagerung Alisos nach der Varusschlacht 133
„weilen" — so fährt Gerlich wörtlich fort — „damahls die Heyden in großerabgöttereye verblendett gewesen, so hatt vermelter Drost an demselben orttheine Marmorn Säule gehabbt, darauf er Lunam oder Dianam,welches zu Teutsch Mondt genandtt wird, angebetett, und derselben auf ver-schiedene Zeiten opfferhandlungh gethan und ist das Dorfs a Luna Lunensisgenandt worden." In den Kriegen Karls des Großen sei dann dies Schloßzerstört, aber alsbald wieder aufgebaut worden, indessen wiederum in heid-nisches Wesen zurückgesunken und zum bösen Raubnest geworden, dasden Benachbarten großen Schaden tat. Endgültig durch den hl. Robertuszum Christentum bekehrt, habe dann der Droste sein Schloß zu einer Kirchegemacht und der heiligen Jungfrau Maria „dedizieret". Was vorher einRaubnest war, sei so eine gottesdienstliche Stätte geworden und wie zuvorLuna oder Diana daselbst verehrt worden, so werde nun hier der hl. Jung-frau gedient.
Diese Anschauungen begegnen uns nun aber auch in dem Sachsen -liede Vodels um 1200 bereits mit solcher nicht mißzuverstehender Deutlich-keit und Übereinstimmung, daß wir die Grundlagen dieser Überlieferung schonum das 12. Jahrhundert als vollentwickelt annehmen müssen. Nach dieserBodelschen Darstellung hat Karl der Große im alten Sachsenland, und zwaran der Stelle, wo ein mit dem Namen „Carsie" bezeichneter Fluß in die„Rune" mündet, einen Tempel des „M uhamet" zerstört und an derselbenStelle ein Gotteshaus der hl. Maria zu Ehren errichtet. Es hat sich alsooffenbar schon in karolingischer Zeit im Anschluß an die Säule,die als Rest eines heidnischen Tempels galt, die Sage entwickelt,die wir bei den n o r d f r a n z ö si s ch e n Epikern fast genau so finden, wiein der Lüner Ortsüberlieferung: hier natürlich nur mit Beimischung halb-gelehrter Spielerei im Interesse der Deutung des Namens Luna (Mond),von dem auch Lünen seinen Namen habe^.
Wir müssen aber diesen Spätling vom Baum der Überlieferung ab-schneiden und gewinnen dann das Bild der Diana als Krönungder Säule: jedenfalls die Gestalt einer bewehrten Göttin,deren Waffenschmuck sich die noch unentwickelte Deutungskunst nur bei einerBeschützerin der Jagd denken konnte.
Ist es nun wohl noch zu kühn, die Fäden der Überlieferung, wie sie, vonso verschiedenen Seiten herkommend, offenkundig alle nach einer und der-selben Ursprungs stelle deuten, wieder zusammenzuleiten, um dasBild zu schauen, das sich dann ergibt? Lüner Ortsüberlieferung,n o r d f r a n z ö s i s ch e Epik, Oberadener Sage vom Heiden-könig im goldnen Sarg, klassischeüberlieferung vom Drusus -altar bei Aliso und einer ebendort stehenden Viktoria scheinen engzusammenzugehören, denn hier wie dort: in Oberaden, in Lünen und auch beidem in Nordfrankreich lebenden Sagenstoff tritt bestimmt und klar der Gegen-satz von Heidentum und Christentum in ihren charakteristischen Vertreternuns entgegen. Dort der Heidenkönig, der heidnische Droste, das
' Über die weiteren Fragen, die in diesen Zusammenhang gehören, nament-lich über die Örtlichkeit, die nördlich Bremoigns — Dortmund zu suchen ist unddie Gleichheit „Ilune" — Lippe verweise ich auf spätere Ausführungen unter 1):„Aliso in seiner Verknüpfung mit der Heldensage".