Die erfolglose Belagerung Alisos nach der Varusschlacht 129
die Lippelinie angewiesen. Diese mußte seinen großem Heere Kriegs-bedarf jeglicher Art, vor allem auch Lebensmittel zuführen, denn gerade daswar doch auch ein Hauptgrund bei Anlage dieser Festung gewesen: tiefer imLande einen großen an der schiffbaren Lippe liegenden Stapelplatz zu haben.Eine schon 10 v. Chr. in die Hände siegreicher Sugambrer gefallene Drusus-festung und preisgegebene Schlüsselstellung am südlichen Lippeknie bei Ober-aden müßte uns erscheinen wie die abgeschnürte Schlagader, ohne die dannauch die ganze römische Eroberungspolitik in Germanien zum Stillstandgekommen wäre. Ja, wenn die Drususfestung 10 v. Chr. bereits gefallenwäre, so müßte der Rückschlag sich noch folgenschwerer auf den Gang derRömerkriege ausgewirkt haben, als nach der Varuskatastrophe, wo doch Alisodurchhielt und die Wiederaufnahme der römischen Unternehmungenvon diesem festen Punkte aus möglich machte.
Und wenn nun trotz und alledem die Stammburg des Drusus in Elseyein Jahr nach der Gründung schmachvoll kapituliert hätte — will man unsglauben machen, diese Schande hätte spurlos in unserer Überlieferunguntergehen können? Wir haben aber doch auch einen Maßstab, nachdem römische Schriftsteller die Kriegsereignisse beurteilten und müssen sagen:Wenn der Verlust des Lollianischen Legionsadlers „schmachvoll" genanntwurde und nicht zu verschweigen war, wie erst müßte der Verlust desDrusischen Stammlagers als höchstes Schandmal in die Annalen derrömischen Geschichte eingeschwärzt worden sein!
Aber nun erheben sich gleich fünf Zeugen auf einmal gegen jene Be-hauptung. Der erste ist Sueton, der uns mit gar nicht mißzuverstehenderDeutlichkeit meldet: Augustus habe insgesamt nur zwei äußerst schwereRückschläge seiner Politik während seiner langen Regierung und zwar beideMale in Germanien zu beklagen gehabt, unter Lollius die erste, unter Varusdie zweite; freilich sei, äußerlich betrachtet die Niederlage des Varus nochfolgenschwerer als jene, aber auch so sei die unter Lollius der römischen Ehreangetane Schmach schwer genug gewesen.
Und weiter: Plinius der ältere hat in Germanien, als er an dieStätten kommt, wo einst Drusus seine unverwelklichen Lorbeeren pflückte,ein Traumgesicht. Nach diesem sei ihm der junge Held erschienen und habeihn gebeten, durch den Griffel seiner Geschichtsschreibung zu verhindern, daßseines Namens Gedächtnis verblasse. Nun war aber, wie auch dienachfolgende Geschichte treffend bestätigt hat, die Gründung des im Lippe-Seseke-Winkel wiederentdeckten Prinzenlagers die größte Ruhmestatdes siegreichen Feldherrn, und wir dürfen annehmen, daß auch Plinius geradediese Ruhmesstätte gesehen und dort vornehmlich den inneren Antrieb zuseinem historischen Werke gewonnen hat. Würde das denkbar sein, wenndies Prinzenlager schmählich vor den Sugambrern die Waffen gestreckt hätte undwiederum gerade also vor den Feinden, von denen wir es uns keineswegs denkenkönnten, daß sie dem Drusus noch auf seinem Zuge zum Sommerlager, dener als Schwerkranker zurücklegte, mit hoher Ehrfurcht begegnet seien?
Dieser stummen Achtung vor der Majestät des Todes, die auch noch derFeind einem großen Gegner an seiner Bahre zollt, entspricht es nun auch,wenn auch während der Belagerung das Denkmal nicht zerstört wurde. Ja,als wenn die Deutschen noch einmal das Andenken des großen Toten hätten
Prein, Aliso und die Varusschlacht 9