126 Aliso nach der Varusschlacht und in spätrömischer Zeit
steller widersprechen, der uns sagt: „So ging es damals zu"? Zunächst wollenwir doch noch einmal feststellen, daß es sich hier nur um das eine undeinzige Lager handelt, das in Germanien belagert wurde, dessen Nameuns von Vellejus als Aliso überliefert ist. Sollte es da nicht „damals sozugegangen sein"? Welcher Römer sollte denn ein Interesse daran haben,solch ein Handgemenge im Lager zu erdichten? Es war eben der kritischeAugenblick gewesen sein, in dem die Speere der Germanen in dichtem Hagelauf die Wälle losflogen und die Mauerspeere auf die Feinde niedersausten,die schon im Spitzgraben standen und die Brustwehr ersteigen wollten. Inder Tat mochten einzelne verwegene Vorkämpfer schon übergestiegen sein,ohne aber weiter vordringen zu können, und weil es nicht gelang, Bresche indie Brustwehr zu legen, kam es nicht zum größeren Einbruch. Aber derKampflärm und das verfrühte Siegesgeschrei der Angreisenden mochte imInnern des Lagers, wo die weniger kampffähigen Soldaten in Reservestellungstanden, zu jener Panik geführt haben, deren tieferer Grund uns freilich nichtrecht ersichtlich ist und nur ein Verzweiflungsausbruch gewesen sein mag, wiewenn ähnliche Szenen sich noch heute abspielen, sobald in einem überfülltenVersammlungsraum auf den Ruf „Feuer" wilde Kämpfe um den Notausgangentbrennen. Es ist auch leicht zu begreifen, daß diese Einzelheiten alsbaldberichtet wurden, als die Lagerbesatzung endlich gerettet ward.
Und nun ist es doch auch wirklich die N o r d w e st s e i t e des Lagersbei Oberaden, die von einem — wir dürfen jetzt ruhig sagen: von diesemSpeerkampf Kunde gibt! Ist es doch auch der Ausgrabungsleitung längstaufgefallen, daß die Mauerspeere sich nur im Graben der Nordwestseite finden,obgleich auch an anderen Stellen die Moorschicht für die Erhaltung solcherHolzspeere dieselben günstigen Voraussetzungen geboten haben würde. Kannes da überhaupt noch eine genauere Übereinstimmung zwischen klassischenQuellenberichten und dem Ausgrabungsbefund geben?
Die furchtbaren Wirkungen der römischen Fernwaffen, von denen unsja auch die Überlieferung überhaupt zu berichten wußte, haben aber sicherauch dazu beigetragen, daß die Methode von den Sturmangriffen zum Aus-hungern überging. Auch damals schon gab es also einen „Stellungs-krieg", bei dessen überlanger Dauer den Germanen die Einnahme Alisosversagt blieb.
Auch bei unserer Beanspruchung weiterer Funde aus jener Belagerungwerden wir uns bescheiden müssen. Eine flüchtige Masse hat eben nichtszu verlieren: weder die aus dem letzten Gemetzel der Varusschlacht Ent-kommenen, die nur das nackte Leben retteten, noch auch die in gleicherLage befindliche Zivilbevölkerung, die genug zu tun hatte mit derHerbeischaffung der nötigsten Lebensmittel, wird irgendwelchen bedeutenderenHausrat in die Festung hineingeschleppt haben: und die Stamm-besatzung, das Wachtkommando, von der wir nicht einmal wissen,ob sie nun gerade in diesem Lager oder vielleicht auf einer anderen Stelle dergroßen Militärstation ihren Standort hatte? Sie mag, wie schon angedeutet,aus den aufgespeicherten Vorräten ihren geringen Bedarf ergänzt haben.Und schließlich kann ein geräumtes Lager doch überhaupt nicht so viel Boden-funde liefern, wie ein gewaltsam zerstörtes. Auch aus dem Lager bei Ober-aden haben die, welche die Verbindung mit Tiberius endlich gewonnen hatten,