Die erfolglose Belagerung Alisos nach der Varusschlacht 125
Lebensmittel als ausreichend gelten mußten. Wird uns doch auch berichtet,die Römer hätten einige Gefangene an den Getreidespeichern hin- und her-geführt, dann aber mit abgeschnittenen Händen wieder abziehen lassen, damitsie berichteten, die Römer seien noch so ausreichend verproviantiert, daß sienur ja nicht auf Aushungern ihre Hoffnung setzen sollten. Und was hättejetzt denn noch, wo die Römer schon bis fast in Sichtweite vorgerückt waren,eine Fortsetzung der Blockade für einen Zweck gehabt? Die Germanen konnten,nachdem eine monatelange Belagerung ergebnislos verlaufen, und ihre eigeneKampfkraft wesentlich geschwächt war, nicht mehr hoffen, daß sie einemTiberius mit so viel überlegener Macht gewachsen waren, wo doch schon vorherein beträchtlicher Teil von dem Platze abgezogen war, als sie Kunde davonerhalten hatten, daß Tiberius den Rhein besetzt habe und mit mächtigemHeere heranrücke.
Die Frage, ob die Römer Anschluß mit Aliso erhalten haben, ist aberdarum für die W i e d e r e r k e n n u n g im Gelände von so großer Be-deutung, weil damit die Frage zusammenhängt, ob wir Spuren gewaltsamerZerstörung annehmen müssen oder nicht. Wie es scheint, ist aber das Lagerbei Oberaden wirklich im Anfang des Jahres 10 n. Chr. von den Römernentsetzt worden. Damit würde dann auch stimmen, was uns wieder DioCassius berichtet, daß die Germanen tatsächlich es nicht vermocht hätten,Aliso in ihre Gewalt zu bringen.
Ob freilich die Römer, nachdem sie auch dem Reste der LagerbesatzungHilfe gebracht hatten, wieder eine neue Besatzung in Aliso hineingelegt haben,erscheint mehr als zweifelhaft. Nach den gewaltigen Anstrengungen, die auchdie Germanen sich hatten auferlegen müssen, bedurften auch sie der Ruhe.So werden auch die, welche beim Erklingen des Sturmmarsches in jenerdenkwürdigen Nacht glaubten, das ganze Heer des Tiberius vor sich zu haben,nicht wieder zur Blockade, sondern zu ihren eigenen Heimstätten zurück-gekehrt sein. Tiberius aber, welcher nun wohl auch das ihm wohlbekannteAliso wiedersah, mochte damals schon an den später zur Durchführung ge-langten Plan denken, in dem ein Groß-Aliso, wie wir die 41 Im um-fassende Drususburg wohl nennen könnten, keinen Platz mehr hatte, wohlaber das über die Drususfestung hinausgeschobene Kastell gleichen Namens,dessen Gründung uns nicht besonders mitgeteilt ist, dessen Vorhandensein imJahre 16 n. Chr. wir aber bezeugt finden.
Wir kommen nun noch einmal auf die Frage zurück, welche Fundewir denn wohl für die Zeit jener Belagerung annehmen dürfen? Vor allemdie Mauerspeere! Ob nicht auf sie eine besondere Überlieferung zudeuten ist, die uns schon in der Notiz begegnete: „Man sah Speere vonNorden her auf das römische Lager losfliegen?" Sollte es sich bei dieserNachricht nur um eine Vision handeln? Aber sie steht doch unmittelbar inVerbindung mit den gleich folgenden Meldungen: „Bienen legten Wachs-scheiben auf die Lageraltäre: eine Bildsäule der Viktoria, die in Ger-manien stand, das Angesicht dem Feinde zugewandt, drehte sich um, nachItalien hin. Einmal war es im Lager um die Adler auf ein leeres Gerüchthin, als wären die Barbaren eingedrungen, zwischen den Soldaten zuKampf und Handgemenge gekommen. So ging es damals zu." Sollenwir diese Nachrichten alle ins Reich der Fabel verweisen und dem Schrift-