124 Aliso nach der Varusschlacht und in spätrömischer Zeit
Lager Entwichenen ihren Rettern entgegengekommen waren. Wir werdenvielleicht nicht zu weit von der Wirklichkeit abweichen, wenn wir etwa dieGegend von Haltern als die Zone nehmen, die unser Berichterstatter als„nicht weit vom Rhein" bezeichnet. Hier mögen Boten aus Aliso,die sich durch die Blockade durchgeschlichen hatten, die Verbindung mit Tiberiusbekommen haben. Denn daß ohne gegenseitige Fühlungnahme zufällig mittenin einer unwirtlichen Nacht die Begegnung mit den Entwichenen und demHilsstrupp des Asprenas erfolgt sei, erscheint völlig ausgeschlossen. Im Gegen-teil: es müssen mehrere günstige Umstände zusammengetroffen sein, die dieseganze Unternehmung möglich machten, vor allem: der Abzug vieler Belagerervom Lager fort, die Lockerung des Belagerungsringes, das Eintreffen vonVoten aus Aliso, die über den ganzen Stand der Sache, auch über die Ab-nahme des Kampfesmutes bei den Germanen, zu berichten wußten. Auchmüssen diese bereits den festen Entschluß zum versuchten Durchbruch gemeldethaben, woraufhin denn auch Asprenas den sofortigen Befehl zum nächtlichenVormarsch erhielt, sicher unter Begleitung der Boten, die nun auch den Weg,auf dem der Verabredung gemäß die Entwichenen herbeikommen würden,zeigen konnten. So wird denn für diesen Vormarsch des Stoßtrupps desAsprenas wieder eine Entfernung von rund 25 Irin anzunehmen sein, so daßwir der Gegend, die wir etwa als die Örtlichkeit der Begegnung annahmen,ziemlich nahekommen; hier nun — sagen wir: zwischen Alt-Lünen undBork — mag sich das abgespielt haben, was berichtet wird über den kurzenKampf, den Geschwindmarsch, den die aus Aliso mitaufgebrochenen Trompeteranstimmten, um die verfolgenden Germanen zu täuschen, die Beutegier derletzteren, die wiederum den Römern Gelegenheit bot, die Flucht fortzusetzen,bis wirklich der Anschluß mit Asprenas zustande kam.
Die Germanen brachen daraufhin die Verfolgung ab. Nach diesen quellen-gemäß vorgelegten Tatsachen muß nun angenommen werden, daß nicht nurdie Entwichenen, sondern auch die in der Festung Verbliebenen Verbindungmit der Spitze des Entsatzheeres erhalten haben; denn die Notiz: „Asprenaskam wirklich, als er von dem Vorfall hörte, den Römern zu Hilfe"kann bei der besonders betonten Bestimmtheit des Berichtes kaum andersgefaßt werden. Bedenken wir doch auch nur, daß unter denen, welche dieFestung verlassen und sich auf den Weg gemacht hatten, sich Weiber undKinder befanden; konnten diese in einer kalten Nacht bei dem schlechtenErnährungszustand, den wir bei ihnen annehmen müssen, wohl einen weiterenWeg als 10—IS Unr zurücklegen? Und da sollte Asprenas, der, wenn er denSonnenaufgang etwa bei Bork nordwestlich Lünen abwartete, Aliso sehenkonnte, wieder umgekehrt und den Rest der tapferen Besatzung ihrem Schicksalüberlassen haben? Mag die Angst vor den Germanen den Römern noch sotief in den Gliedern gesteckt haben, eine solche Feigheit und Charakterlosigkeitwerden wir ihnen doch nicht zutrauen dürfen.
Nachdem der Aliso belagernde Heerbann so stark sich gelichtet hatte, wärees für die noch Verbliebenen ja fast eine Herausforderung des Schicksals ge-wesen, wenn sie mitten zwischen der noch kampffähigen Lagerbesatzung unddem mit mehreren Legionen anrückenden Tiberius weiter die Blockade durch-geführt hätten. Auch der Hunger konnte nicht mehr als ihr Bundesgenossegelten, nachdem durch Abmarsch aller Unbewaffneten die noch vorhandenen