Die erfolglose Belagerung Alisos nach der Varusschlacht 123
die Entwichenen an dem ersten und zweiten Wachtposten glücklich vorbei-gekommen wären, am dritten aber entdeckt wurden. Wir finden nun beiunserm Gewährsmann den bezeichnenden Ausdruck plrMüterion
für das von uns mit Wachtposten übersetzte Wort. Dieses aber istdie übliche Bezeichnung für Wachtturm, wofür wieder auch die Namen Wacht-haus (Imdiwaulriirr), Burg (Kurgus) und Turm (turris) begegnen. Wirhalten uns also durchaus an den gültigen und unmißverständlichen Sprach-gebrauch, wenn wir auch hier an die Wachthäuser denken, die wir ja geradeim Umkreis unseres Römerlagers als Türme festgestellt haben. So kamendie aus der Festung Abgerückten also am ersten und zweiten Wachtturmglücklich vorbei. Mögen wir nun mit unserer Erklärung recht haben odernicht, eins steht fest: Wenn heute unter denselben Verhältnissen wie im kaltenWinter 9/10 n. Chr. ein Versuch des Entweichens auf das Nordufer derLippe unternommen würde auf dem Dammweg durch das Sumpfland Sun-dern, so würde diese Flucht in gerader Linie auf den 1^ kirr entferntliegenden „Turm" am roten Bach führen. Und wenn wir in gleichen Ab-ständen nach Westen hin wieder Türme annehmen, so muß ein dritter etwaan der Stelle der katholischen Kirche in Alt-Lllnen gestanden haben.
Dabei kann ich eine Vermutung nicht unterdrücken, daß nämlich auchder Turm der Veleda, der an der Lippe im Lande der Bruktereran der bis dorthin schiffbaren Wasserstraße stand, solch ein römischer Wacht-turm gewesen ist. Denn daß diese Volksprophetin, die 60 Jahre nach dengroßen Kämpfen der Deutschen um ihre Freiheit wieder zum heiligen Krieggegen den alten Feind aufrief, in der Nähe der römischen Burgruinen ihresAmtes gewaltet hat, erschien uns früher schon wahrscheinlich.
Uns ist nun an der Hand der von Dio Cassius geschilderten Vorgängedie Möglichkeit gegeben, einigermaßen die Entfernung Alisos vomRhein zu erkennen. Wir müssen freilich zunächst ein Wort sagen über dieMaßnahmen, die nach Vernichtung der drei Legionen von Augustus zurReichssicherung unternommen wurden. Nachdem er sich von dem erstenlähmenden Schrecken erholt hatte, erschien es ihm als die erste Aufgabe, ausder kriegspflichtigen Altersklasse ein Ersatzheer auszuheben. Aber der cim-brisch-teutonische Schrecken steckte der verweichlichten römischen Jugend so tiefin den Gliedern, daß sich aus ihr keiner in die Stammrollen einschreibenlassen wollte. Darum strafte er sie nach dem Lose. Von denen, die noch nicht35 Jahre alt waren, ward immer der fünfte, von den älteren immer derzehnte, wen gerade das Los traf, seines Vermögens beraubt und für ehrloserklärt; zuletzt, als sehr viele auch so noch ihre Pflicht nicht taten, wurdeneinige hingerichtet. Nachdem er aus den schon Ausgedienten und Frei-gelassenen möglichst viele durch das Los ausgehoben hatte, schickte er sie sofortunter Tiberius nach Germanien. Dieser hatte inzwischen, nachdem er an denRhein geeilt war, ein neues Heer aufgestellt, dessen Kern natürlich die zweiLegionen des Asprenas bildeten. Aber aus Furcht, wieder ins Verderbenzu geraten, entfernte er sich nicht weit vom Rhein.
Wir werden nach diesen Angaben in die Lage versetzt, drei Ent-fernungen zu unterscheiden und zwar zunächst bis zu dem rechtsrheinischenPunkt, den Tiberius mit seinem ganzen Heere erreichte, dann das Vorrückender Spitze des Asprenas und endlich die Örtlichkeit, bis zu der die aus dem