122 Aliso nach der Varusschlacht und in spätrömischer Zeit
annehmen, kann es vorstellbar gemacht werden, daß überhaupt die Festunggenügend verteidigt werden konnte. Aber wir wissen doch auch aus derSoester Fehde, daß in der äußersten Not auch Frauen und halbwüchsigeBurschen sehr wirksame Kriegsdienste leisten können. Wird es in Alisoanders gewesen sein, wo schließlich selbst die Pfosten der Lagerhütten zuMauerspeeren umgestaltet werden konnten?
Da ist es vielleicht auch nicht überflüssig daran zu erinnern, daß nur einTeil der Mauerspeere Inschriften trägt. Ist das etwa ein Zeichen dafür, daßsie anfänglich für die zweitklassige Gruppe der Lagerinsassen bestimmtwaren und erst im Augenblick der höchsten Not in Anwendung kamen? Überdiese zweite Gruppe scheint nun Caelius, der Primipilar das Kommandogehabt zu haben. Ihm mögen wohl die äußeren Maßnahmen besonders über-tragen worden sein: er mußte darauf achten, daß nicht etwa durch Anzündender vor dem Lager aufgetürmten Holzmassen das Lager mit seinen mächtigenWallpfosten in Brand gesteckt wurde: er wird auch, nachdem ein Teil derentbehrlichen Lagerinsassen abgeführt worden war, das Kommando über denRest der Verteidiger übernommen haben.
Die Belagerung muß sich lange hingezogen haben: in einer Hinsichtwar dieser Umstand den Römern günstig, denn die Belagerer wurden mit derZeit ungeduldig, weil der Erfolg ausblieb, sie hatten durch die Bogenschützen,unter denen wir vielleicht auch die Speerwerfer zu verstehen haben — dennsüluirr und Pfeil sind eng verwandt —, schwere Verluste gehabt.Ja sie sahen sich sogar genötigt, sich mehr und mehr aus der gefährlichenNähe der Wälle und dem Wirkungsbereich der Fernwaffen zurückzuziehen,verwandelten also die Belagerung in eine Blockade. Außerdem war auchihnen nicht unbekannt geblieben, daß Tiberius mit einem neugeworbenenHeere im Anmarsch war, um den Belagerern in den Rücken zu fallen. Wenndann auch die Besatzung einen Ausfall machte, so kamen die Germanen regel-recht ins „Kreuzfeuer". So kann es uns wohl glaubhaft erscheinen, daß dieDeutschen fortan zwei Maßnahmen als zweckmäßig ergriffen: einmal suchtensie in dem Hunger einen Bundesgenossen zu bekommen, andererseits aberbewachten sie die von der Festung wegführenden Wege. Es bleibt sehr zubeachten, daß mehrere Heerstraßen von der Festung nach Westen ziehen,was wiederum uns auf die Annahme einer am Nordufer und einer auf demSüdufer der Lippe vorhandenen Verbindung mit dem Rhein führt. DieBelagerten haben, weil sie sich auch gut auf Kriegslist verstanden, gewißüber die Frage, welchen Weg sie wählen würden, die Germanen zu täuschenversucht. Wenn nun in der Volksüberlieferung über den letzten Kampf am„roten Bach" östlich vom Uferkastell, ebenso in den dort gemachten Fundenein Zusammenhang mit den betreffenden Ereignissen angenommen werdendarf, so hat der in stürmischer dunkler Nacht erfolgte Abmarsch eines Teilsder Belagerten sich auf dem nördlichen Lippeufer vollzogen. Dabei mag dieFrage der Überschreitbarkeit der Lippe unerörtert bleiben. War die Furtungangbar, so bleibt immerhin die Möglichkeit, daß die Lippe zugefrorenwar, denn gerade die bittere Kälte ist es, welche die „Weiber und die Kinder"so hart anpackte, daß sie den Waffenfähigen keinen Augenblick Ruhe ließen.
Wir haben aber noch eine weitere Notiz, die für die Wegeforschung über-haupt von großer Bedeutung ist. Dio Cassius erzählt uns nämlich auch, daß