120 Aliso nach der Varusschlacht und in spätrömischer Zeit
im Umkreis des Lagers angesiedelten Zivilbevölkerung bestand, die in ruhigenZeiten auf den im Militärbezirk um Aliso herum gelegenen römischen Kolo-nien ihre bäuerliche Arbeit verrichteten. Zu ihnen kamen dann weiter dieFlüchtlinge aus der Varuskatastrophe, endlich die sicher sehr schwacheBesatzung oder das Wachtkommando des Platzes selbst. Wie kleinsolche Sicherungsabteilungen für ruhige Zeiten sein können, zeigt unsNooaesium (Neuß), wo für die Zeit vom Tode Trojans bis Gallienus, alsofür 136 Jahre nur 33 Münzen im Boden festgestellt werden konnten.
Immerhin muß es eine sehr stattliche Menge gewesen sein, diehinter den guterhaltenen Wällen dieser Sammelfestung Aliso Schutz suchteund fand. Wir können dabei auch wohl an die großen Fliehburgen denken,die unseren eigenen Vorfahren als Zuflucht dienten für Zeiten der Gefahr.
Es ist nach dem Schlußakt der Tragödie bei Budberg, Holtum, Hem-merde nicht zum sofortigen Weitermarsch nach Aliso gekommen. Bei einerbenachbarten Anhöhe, die Tacitus als „Tribunal" bezeichnet, hatte Arminiusan seine tapferen Mannen eine Ansprache gehalten. Es scheint, als wenn erdabei sich der Formen bedient hat, unter denen, wie er oft gesehen habenmochte, die römischen Feldherren zu ihren Truppen feierlich, wie in einergroßen Versammlung redeten. Darauf deutet auch der von Tacitus bei derErzählung dieses Vorgangs gebrauchte Ausdruck (ccnrcioiruri). Dabeistanden auch um das „Tribunal", das ebenfalls dem erhöhten Standorte desrömischen Feldherrn ähnlich gestaltet sein mochte, reckenhafte Kämpfer, diesich besonders ausgezeichnet hatten, indem sie dem römischen Signifer — wirwürden sagen „Fahnenträger" — den Adler, das göttlich-heilige Wahr-zeichen der Legion, entrissen. Es war ein marsischer und ein brukte -rischer Krieger, denen diese Ehre zuteil ward. Der dritte Adler aber fehltebei dieser Siegesfeier, denn der Signifer hatte ihn durch einen Sprung in denSumpf vor den Händen der Sieger geborgen. Dann verspottete Arminius dieerbeuteten Feldzeichen, die anstatt seine Feinde zum Siege, wie es ihre Pflichtgewesen wäre, zur schmachvollsten Niederlage geführt hatten.
Aber da durch diese Siegesfeier am Ostrande unseres Marken-gebietes der Teuten kostbare Zeit verstrichen war, bei deren streng mili-tärischer Ausnutzung wohl auch Aliso beim ersten Ansturm dem kuror tento-nicris zum Opfer gefallen wäre, war inzwischen die große Sammelfestungin wirksamen Verteidigungszustand versetzt worden. Vor allem bot sichGelegenheit, von den umliegenden, in römischer Verwaltung befindlichenGutshöfen das eben eingeerntete Getreide in die Festung zu schaffen,auch — soweit es möglich war — den Vorrat an Waffen zu ergänzen.Daß dies nötig gewesen ist, zeigen uns die hölzernen Speere, die unterdem Namen pilu irruruliu, Mauerspeere, bekannt und berühmt gewordensind. Man hat sie als eine Spezialität gerade für das Lager bei Ober-aden bezeichnet. Dieser gut gewählte Name deutet nun zugleich auch die ganzeigenartigen Umstände an, unter denen allein dieses Bollwerk durchgehaltenhat und durchhalten konnte. Dieser feste Platz, wie ihn auch Dio Cassiusnennt, muß vor der unerwartet über ihn hereingebrochenen Belagerung nichtin der Kriegsbereitschaft sich befunden haben, wie etwa Haltern, wo sich dieseHolzspeere nicht gefunden haben. So haben wir sie denn als Erzeugnisseanzusehen, die nur in der verzweifelten Notlage, in welche die Römer