114 Die Varusschlacht
legt und traf damit nicht nur das rechtliche Empfinden, sondern auch bei demengen und tiefen, ja wurzelhaften Zusammenhang von Recht und Religionden religiösen Lebensnerv des Volkes an der verwundbarsten Stelle. Wirmüssen doch bedenken, daß keiner solche Heiligtümer anders als mit gefesseltenHänden betreten durfte, aus welcher Sitte sich auch noch unser Händefaltenbeim Beten herschreibt; daß sogar jeder, der zufällig strauchelte, zunächst soliegen bleiben mußte und nur auf dem Boden sich wälzend wieder dem Ein-gang, dem „hilligen Heck" sich nahen durfte. Nun können wir uns die Erre-gung im Volke denken, als es Varus sich gegen die Heiligtümer (caskvs)wenden sah, indem er sie nicht nur betrat, sondern auch wohl gar heiligeBäume — seien es nun „heilige Eschen", „Blutbirken", seien es heiligeWälder (Iricos, custos) schänden, abholzen und zu weltlichen Zwecken ver-wenden ließ, vielleicht auch in der Meinung, mit diesen radikalen Mitteln dietiefste Quelle der Volkskraft, ihren Glauben, verschütten zu können.
Nun waren aber solche Heiligtümer zugleich auch Zufluchtsstättenfür Verbrecher, die, solange sie hier weilten, als unantastbar galten, eineAnschauung, die wiederum auch bei uns in dem Asylrecht der Kirchen nochlange nachgewirkt hat, auch in Anspruch genommen worden ist. War nunder Birkenwald bei Budberg ein Waldheiligtum (cuslrw), ja der ganze Bezirklängs der Grenze bis zum „hilligen Heck", 2l)v irr nördlich der „Todmodde",geweihter Boden, so muß der 8 a11 u 8 Durchgang, Eingang, Heck) ebendas „hillige Heck" selbst gewesen sein und zwar um so mehr, als auchdie unmittelbar angrenzende „Todmodde" einen engen Zusammenhangmit der Grenze (teute, toä-) verbürgt: ist doch später allgemein auch irroclallein Bezeichnung für Grenze gewesen.
Folgen wir nun noch einmal den wegweisenden Fingerzeigen unsererBirkenbaumsage, die mit demselben Recht auch eine Birken wald sage genanntwerden könnte, so sind also die „Krieger, die Hüte trugen wie die Soldaten,die Christum gekreuzigt haben", kurz gesagt: die Römer, nachdem sie denDurchgang (8nlkri8) zwischen Budberg und Sönnern zur Lippe hin nicht er-kämpfen konnten, nach Westen abgeschwenkt und nun alsbald in den Bereichdes Birkenwaldes eingetreten, der, weil auch noch das Haus Borg (früher„Haus zur Barg") nach ihm genannt ist, vor Zeiten weiter gereicht und ander Grenze sich entlang gezogen hat. Dann hätte also tatsächlich unsere Birken-baumsage durch ihren ersten und grundlegenden Teil der Birken w a l d sagedrei wesentliche Gedanken historisch treu festgehalten: den Kampf um denÜbergang über den Salzbach (erster Durchbruchsversuch nach Norden zurLippe mit dem Fluchtziel: Aliso): sodann, nach vereiteltem Durchbruchsversuch:Abschwenken nach Westen auf den Zugang (hilliges Heck) zum Bezirkdes Birkenwaldes, der ohne Gefahr eines Angriffs auf heiligem Wege erreichtwerden konnte, da er selbst den Römern Asylrecht bot. Auch hierwäre nun eine Möglichkeit des Durchbruchs nach Norden über Hilbeck, dasnach manchen Forschern aus seiner ältesten Form Hiltbeck heraus als Kampf-bach erklärt wird, gegeben gewesen, wenn nicht inzwischen auch dieser Wegverlegt worden wäre. So blieb denn kein anderer Ausweg übrig, als derdes VerHandelns, wie es auch in christlicher Zeit mit denen geschehen ist, diedas Asylrecht der Kirchen in Anspruch genommen hatten. Wir haben Unter-lagen für unsere Annahme, daß auch mit dem Varianischen Heere VerHand-