Die Birkenwald- und Birkenbaumsage als germanische Volksüberlieferung 113
Auf diesem Boden hat nun auch die „Virkenbaumschlacht" getobt. Sieträgt nicht umsonst ein ausgesprochen religiöses Gesicht. Aber hinter der christ-lichen Übermalung verbirgt sich, merklich durchschimmernd, der heidnischeGrundton: wenn wir den Ausgang des ganzen Kampfes auf den kürzestenAusdruck bringen, kann dieser nur lauten: Der „weiße Fürst", ein christlicherHeerführer, vernichtet den heidnischen Tyrannen und Kirchenschänder undbefreit das Land von der schwersten Plage. Anders konnte sich aber auchein christlich gewordenes Volk, das seine ganze Vorstellungswelt auf die Bibelund ihre unvergleichlich kraftvollen Ausdrucksmittel gründete, den Aus-gang der Varusschlacht nicht verdeutlichen. Ihr wurde Armin zum„weißen Fürsten", Varus zum „Antichristen" und dessen Soldateska zuKriegern, die Hüte trugen, wie die „Soldaten, die Christum gekreuzigt haben".So waren's also Römer unter einem römischen Feldherrn, die im Bud-berger Birkenwald, auf dem früher als heilig gehaltenen Teufelsweg, amSalzbach und am hilligen Heck geweihten Boden betreten und schon damitallein diesen Bezirk entweiht hatten, für welchen Frevel sie furchtbare Sühnetreffen mußte. Daß aber am Schluß der Varusschlacht genau nach denselbenheiligen Vorschriften verfahren wurde, wie später beim Vernichtungskriegzwischen Hermunduren und Chatten, muß schon aus der Gleichheit der hierwie dort zugrunde liegenden Voraussetzungen gefolgert werden. Und wenndort Deutsche an Deutschen solche opfermäßige Hinschlachtung vornahmen, wie-viel mehr dann im Schlußakt der Varusschlacht Deutsche an Römern! Unddaß sie das wirklich getan haben, ist uns ja auch von Dio Cassius,wieder also in Übereinstimmung mit Tacitus, berichtet. Zum Glück ist unsauf dem letzten Blatt, das auf uns gekommen ist von der Darstellung desblutigen Dramas und zugleich als letztes Wort dieser Seite: „Roß" erhaltengeblieben, denn es heißt ja bei Dio, daß alles niedergemacht wurde, „Mannund Ro ß". Da nun keine Gegenwehr mehr geübt wurde, kann die Tötungder wertvollen Pferde nur im Sinne einer Opferung verstanden werden,auf die auch die Anheftung der Schädel deutet.
So haben wir also eine neue Grundlage für unsere Ansehung derEndkatastrophe bei Budberg gefunden. Aber es ergibt sich ein noch engererZusammenhang auf derselben Basis des Opfergedankens, wenn wir noch derFrage nachgehen: Können wir Varus etwa selbst auch als verfemten, demZorn der strafenden Gottheit verfallenen Heiligtumsschänder erkennen? Wirkönnen diese Frage auch auf Grund unserer klassischen Quellen nurbejahen, wenn wir die Stelle bei Florus, um die es uns dabei geht, über-setzen: „er (Varus) hatte sich gegen die Waldheiligtümer gewandt". Derlateinische Text lautet: „urrsrm iüe ugsre coirveirlrirrr et irr cuslos soüirexeimt" („jener wagte es sogar, eine Versammlung anzusetzen und hattesich gegen die Waldheiligtümer gewandt"). Da man früherdiese Lesart des coclex i>iuxuriniru8 nicht für ursprünglich hielt, fand maneinen Ausweg, indem eine Änderung vorgenommen wurde. Nun sollte dieStelle lauten in ihrem zweiten Teil: irr ouskris irm Urcebat ^ er sprach imLager Recht. Aber eine solche Umgestaltung ist unzulässig, solange nichtbewiesen ist, daß der ursprüngliche Text unhaltbar und sinnlos ist.Wer aber wollte ihn als einen solchen hinstellen? Im Gegenteil: Varus hatoffenbar seine Gerichtstermine an die Thingstätten der Deutschen ver-
Prein, Al '.so und die Varusschlacht 3