112 Die Varusschlacht
seltsam, wenn ausgerechnet gerade neben einem heiligen Hain sollte die Kata-strophe ihren Abschluß gefunden haben, so ist dem nur zuzustimmen, dabeizugleich aber auch folgendes zu betonen: je mehr allgemeinere, sich auch sonstfindende und darum weniger beweiskräftige Gesichtspunkte bei der Varus-schlachtfeldforschung mitherangezogen werden, um so mehr sollten alle die-jenigen Beweisstücke gewürdigt werden, die von einzigartiger Beweis-kraft sind. Und nun haben wir solcher heiligen Stätten, wie sie nach Tacituszu fordern sind, im Umkreis von Vudberg-Büderich sogar mehrere. Das istauch ganz selbstverständlich, weil wir hier an den ältesten Salzquellen West-falens stehen, auf welche der Satz zutrifft, daß die Germanen glaubten, geradean den Salzquellen den Göttern nahe zu sein. Hier waren die Gebete be-sonders erhörbar: hier trat die göttliche Zeugungs- und Schöpfermacht amunmittelbarsten in Erscheinung: hier mußte auch die Schändung solcher Heilig-tümer am strengsten gesühnt werden. So opferten auch (nach Tacit. Xmr.XIII, 57) die Hermunduren an der salzführenden fränkischen Saale in derSchlacht mit den Chatten dem Merkur Mann und Roß gemäß dem Gelübde,das vor der Schlacht abgelegt worden war und zwar von den Chatten selbst,die aber selbst besiegt wurden und so gleichsam das Opfer ihres eigenen Ge-lübdes wurden.
Nun wird uns klar, warum auch beim Salzbach zwischen Werl undBudberg das Morden so schrecklich war, von dem die Virkenbaumsage unsmeldete. Aber wir haben ja in dem Namen der Stadt Werl selbst, Werlahon^ (Salz-)wehr bei den (heiligen) Hainen, einen Anklang an solche heiligeHaine und in der Flur: „Am hilligen Heck" südlich Budberg einen, Anhalt für einen heiligen Bezirk, der nur durch einen besonderen Zugangerreichbar war: dieser stand in erster Linie den Priestern offen. Nun hörtenwir schon früher den Namen Blotbjörk, Blutbirke, Opferbaum. Sollte ernicht bei der Gleichheit dorlr Birkenwald auch in weiterem Sinne auf dasganze Waldheiligtum bezogen werden dürfen? War auch unser Borgholz,das uns auch die Sage als Birkenwäldchen erkennen ließ, eine Lürkerke, einWaldheiligtum, eine von den Weihestätten der heiligen Haine, an derenAltären das Opferblut floß, an deren heiligen Bäumen auch nach sechs Iahrennoch die Schädel der Rosse angeheftet waren? Jedenfalls ist wohl zu be-achten, daß bei dem Hause Borg, wie Herr Lotze nachgewiesen hat, ein„Deiwelsweg", Teufelsweg ausläuft, der die „heilige Esche" auf derHaar mit dem Borgholz verbindet. Wie die „Teufelsküche" bei Massen durchihren Namen auf ihren vorchristlichen Charakter einer Opferstätte oder einesHeiligtums heute noch hinweist, so kann doch auch ein von einer „heiligenEsche" zu einem Birkenwald gehender „Teufelsweg" nur alseine Verbindung zweier Waldheiligtümer aufgefaßt werden,wie wir uns doch auch heute einen Kirchweg nicht ohne das Ziel der Kirchedenken können. Soviel ist aber über jeden Zweifel hinaus sicher: Es istdieselbe Bevölkerung, die den „Teufelsweg" so benannte und ihm seine Rich-tung auf den Birkenwald gab, wie die, welche den Kampf im Birkenwalduns in so erschütternden Bildern vor Augen führt. Da nun die Schöpferdieser Flurnamen auch die Erzähler jener Schlachtsage sind, so haben sie unsmit dieser auf einen Boden stellen wollen, der in vorchristlicher Zeit heiligwar und gottesdienstlichen Handlungen Raum bot, bei denen Opferblut floß.