Die Birkenwald- und Birkenbaumsage als germanische Volksüberlieferung 1V7
Grenze bildete und daher hier auch die künstlich aufgeworfene Landwehrüberflüssig machte. Wie also Birken w ä l d ch e n und Birken bäum alszwei Brennpunkte der Schlacht auseinandergehalten werdenmüssen, so haben wir auch zwei verschiedene Bäche, dort den Salzbach,hier den Bach, der am Birkenbaum selbst vorbeifließt. Dieser ist ein Quell-bach der Seseke. Und diese wiederum ist durch eine weiter unterhalb,nämlich in Kamen bekannte Volksüberlieferung, innigst mit der Virkenbaum-sage verknüpft. Ängstliche Gemüter, wie mir deren noch im Jahre 192Vbegegneten, sahen den Vlutstrom sich durch die Seseke bis Kamen ergießen.Ja, in der Gegend westlich Kurl, aus welcher der Nebenbach der Seseke, dieKörne, kommt, trug sich um dieselbe Zeit noch ein Hausbesitzer ernstlich mitdem Gedanken, sein ganzes Anwesen zu verkaufen, weil er dasselbe schonvom Blut der Birkenbaumkatastrophe überschwemmt sah.
Wie nun nach Westen hin die Flucht geht mit den Schrecken der Ver-folgung, so hat sich auch in der Gegend um Werl eine Überlieferung zäh bisheute erhalten, die ein sicheres Fluchtgebiet für die Zivil-bevölkerung kennt, die bemüht ist, ihre bewegliche Habe und ihr eigenesLeben in Sicherheit zu bringen. Ihr wird der Rat gegeben, über dieRuhr zu eilen, aber für jeden Flüchtling ein Brot mitzunehmen, das fürdrei Tage reicht. Wer nur den Fuß im Wasser hat, dem wird nichts geschehen.Dann kann jeder wieder heimkehren. Ob aber jeder auch seine Pfosten wieder-finden wird, ist zweifelhaft. Diese Notiz ist um so wichtiger, als sie uns Lichtspendet über einen anderen bemerkenswerten Zug der Sage, der die Fluchtnoch deutlicher kennzeichnet.
Es wird nämlich auch ein Ort Stockum erwähnt. Dort seien dieLeute gerade mit Wegearbeiten beschäftigt, wenn die Völker kämen. Nun gibtes zwei Orte dieses Namens, einen südlich der Ruhr bei Grevenstein, einenandern zwischen Hemmerde und Lünern. Ganz unmöglich ist es, dassouerländische Dorf als den ursprünglich gemeinten Ort anzusehen, denn wiesollte südlich der Ruhr Fluchtgebiet für die an der Schlacht Unbeteiligten seinkönnen, wenn auch dort kämpfende Truppen durchziehen? Es muß sichalso um das Hellwegdorf Stockum handeln, das nur 5 lern vomBirkenbaum nach Westen liegt; und das um so mehr, als auch nach sonstigenAngaben die Flucht über Hemmerde geht. Denn als am 22. Januar1834 sich das große Schauspiel einer Schlacht am Abend Himmeldarbot, sah die staunende Menge die Kavallerie nach dem Dorfe Hem-merde abschwenken. Offenbar hat auch bei dieser Luftspiegelung eine alteVolksüberlieferung mitgespielt, die gelautet hat: Wer entflieht, wird amRhein mit Pflugknüppeln totgeschlagen. Also immer wieder der typischeZug von Osten nach Westen, so zwar, daß genau zwischen demKriegsgebiet nördlich der Ruhr und der vom Krieg nistt berührten Gegendsüdlich der Ruhr unterschieden wird. Noch aber wird ein eigenartiger Zughinzugefügt.
Es heißt nämlich auch über die Flucht, die Soldaten würden durchWestfalen nach Holland ziehen, von wo sie geschlagen wiederzurückkommen werden. Wie wir also diesen weiteren Westen mit in denBericht aufnehmen müssen, so bedarf auch der Osten, von wo sie alsgewaltiger Völkerzug wiederkommen, noch einer bestimmteren For-