108 Die Varusschlacht
mulierung. Kommt er nach einer schon von uns wiedergegebenen Fassung:„Von Rhein her, durchs Sauerland", und kann das Sauerland südlich derRuhr nicht gemeint sein, so bleibt nur wieder das Gebiet zwischenMähne und Ruhr, so daß die Angabe, der Feind käme vom Osten,auch sein Recht behält. Demgemäß muß auch der ihn verfolgende „weißeFürst" von Osten kommen, wie ihn auch wirklich die Sage von Bremen, alsovon Slldosten, in die Schlacht reiten läßt. Aber auch die Notiz, „der Feindkomme vom Rhein", hat ihre Berechtigung. Es handelt sich eben um einenFeind, der am Rhein seine Standlager hat, von Westen nach Ostengezogen ist, dann aber wieder zum Rhein zurückeilen möchte, weil er „mittenin Deutschland, in den Gegenden Niederdeutschlands", wie Beykirch meldet,angegriffen wird. Die Rückkehr des Feindes von Holland aus kann aber nurin dem Sinne verstanden werden, daß der geschlagene Feind später mit neu-geworbenen Truppen noch einmal dieselbe Gegend wieder aufsucht, umfurchtbare Rache zu nehmen.
Endlich sei noch bemerkt, daß die Birkenbaumsage noch zwei Neben-triebe gezeitigt hat, den einen in der Gegend südlich Massen, den andernan der Mündung des „roten Baches" in die Lippe unmittelbar am römischenUferkastell. Diese Sage wurde mir bereits um 1904 im Volke selbst mitgeteilt,also sieben Jahre vor Entdeckung des Lippe-Kastells. Nach dieser Volks-überlieferung wird die letzte große Schlacht eben hier geschlagenwerden. Der Kampf wird so schrecklich sein, daß die Lippe vom Blut derErschlagenen überfließt. Der andere Nebentrieb der Sage ist mir erst imJuni dieses Jahres bekannt geworden durch eine Mitteilung des Heimat-forschers Herrn Vetzler-Kamen. Nach ihr findet sich im „Hellweger Anzeigerund Boten" Nr. 27 Jahrg. 1849 die Notiz: „Dies ist der Bach, der vonSchulze Ringebrauck nach Massen fließt" und zwar als Zusatz im Text derVirkenbaumsage an der Stelle, wo der Bach genannt wird, an dem dasMorden besonders schrecklich sein werde. Auch dieser Massener Bach gehtübrigens durch Vermittelung der Körne in die Seseke. —
So haben wir denn den s a g e n g e s ch i ch t l i ch e n Inhalt der welt-berühmten Virkenbaumsage aufgedeckt. Ihre Übereinstimmung mitden Geschehnissen der Varusschlacht ist in der Tat so in die Augen fallend,daß keiner sie leugnen kann. Ist das ein Zufall? Eins wird jeder wohlzugeben müssen: Da nicht zu leugnen ist, daß diese Berichte keine Phantasie-gebilde sein können, so müßte, falls nicht der Zusammenhang mit derVarusschlacht gelten sollte, eine andere Schlacht genannt werden, die auf dasVolksgemüt so tiefen Eindruck gemacht hätte, wie es uns die Birkenbaumsageerkennen ließ. Eine solche zweite Schlacht aber gibt es im zeitlichen und ört-lichen Rahmen der Birkenbaumsage nicht.
Wir halten uns daher für berechtigt, unsereklassischenQuellendurch unsere Sage zu ergänzen und wenden uns nun nocheinmal dem Schlußakt der Katastrophe zu.
Als das römische Heer auf der Haar angelangt war, mußte Varusdas tun, was jeder Feldherr in ähnlicher Lage zu tun sich bemüht habenwürde: auf kürzestem Wege die Lippe bei Hamm erreichen, um von dort amFluß entlang nach Aliso bei Oberaden zu entkommen. Er mochtehoffen, dann alsbald mit der treugebliebenen Besatzung des Lagers und auch