96 Die Varusschlacht
er den Plackweg verlassen und nach Nordwesten abgeschwenkt war, wenigerVerluste hatte? Wir könnten uns wohl vorstellen, daß auch bei den Deutschensich das Bedürfnis nach Ruhe einstellte. Auch sie werden nicht geringe Ver-luste gehabt haben. Daher mußte in der Hauptsache die Vollendung derVer -nichtung anderen deutschen Stämmen überlassen werden, wie es denn auchsehr auffallen muß, daß von den drei Adlern keiner in die Hände derCherusker gefallen ist. Darum nennt auch Strabo nicht diese allein, wo ervon den Besiegern der Römer redet, sondern bezeichnet als ihnen ebenbürtigderen „Bundesgenossen, bei denen Varus durch einen Hinterhaltmit seinen Truppen vernichtet wurde". Das kann wieder kaum andersgedeutet werden, als daß die am Ende des Todeszuges sich den Römernentgegenstellenden Feinde andere waren als die, welche die ersten Angriffeunternommen hatten. Wurde uns doch auch schon mitgeteilt, daß einigeStämme zunächst unschlüssig gewesen seien und auf den Erfolg gewartethätten, dann aber, als die Schlacht einen für die Deutschen günstigen Fortganggenommen hätte, sich auch den Verschworenen zugesellten. Während dieserPause, also vor dem Eingriff neuer Aufrührer in den Kampf, mag in derTat das römische Heer keine so schweren Verluste erlitten haben, so daß siedie Ebene gewannen.
Wäre nun hier der W e g n a ch A l i s o nicht durch einen Hinterhaltverlegt gewesen, so wäre immer noch ein Durchbruch möglich gewesen.Wie uns also immer ein Gegensatz begegnete: zwischen dem ersten Teil desDramas und seinem Schlußakt; zwischen dem in den Quellen nicht mitNamen bezeichneten Waldgebirge und dem durch den Zusatz Teutoburgiensisverdeutlichten Grenzdurchgang (saltrrs); zwischen der Heeresabteilungdes Cäcina und der des Germaniens; zwischen Gebirge undEbene, so ist auch ein Unterschied zwischen Marschgefechten, bei denen dieGefallenen bestattet worden waren und der Endkatastrophe, bei der dieserPietätspflicht nicht mehr genügt werden konnte, anzunehmen. Endlich ist auchverschieden der Anteil der einzelnen beteiligten Stämme. Gebührte denCheruskern der Ruhm des ersten Angriffs im Waldgebirge, so denübrigen Verbündeten die Anerkennung, daß sie, die darum auch die Adler ansich brachten, das Römerheer völlig aufrieben.
Wo nun mögen diese Verbündeten, die den Hinterhalt legten,gewohnt haben? Sollten es nicht, zum Teil wenigstens, die Völker gewesensein, die zuerst aufstanden, gegen die darum auch der Zug des Varus zunächstgerichtet war? Ihrem Angriff war ja Asprenas ausgewichen, und so warendiese Stämme frei, ihren Heerbann gegen Varus marschieren zu lassen.Wir sind aber auch in der Lage, aus späteren Vorgängen Rückschlüsse zumachen. Da sind es denn vornehmlich zwei Volksstämme, die bei den Ver-geltungszügen des Germaniens besonders schwer getroffen, ja geradezugezüchtigt werden: Die kleinen Vrukterer, die als „letzte Vrukterer"dem Schauplatz der Kämpfe besonders nahe wohnten — ihr Land wurde jazur Einöde gemacht —, und weiter die Marsen. Diese wurden im Jahre14 n. Chr. bereits aufs schwerste heimgesucht, indem sogar ihr HeiligtumTanfana dem Boden gleich gemacht wurde. Bei jener Strafexpedition ver-teilte Germanicus sein Heer in vier Züge, damit die Verheerung desto mehrAusdehnung hätte; eine Strecke von 50 Meilen verwüstete er mit Feuer und