M Die Varusschlacht
Tacitus die aus der Schlacht entkommenen Augenzeugen melden können:„Vorzugsweise hatten sie es auf die Sachwalter abgesehen: Einigen stachen siedie Augen aus, anderen schnitten sie die Hände ab: einem nähten sie denMund zu, nachdem sie ihm die Zunge ausgerissen hatten; diese nahm einerder Barbaren in die Hand und sprach: ,Nun endlich höre auf zu zischen, duSchlange'." Ja, es ist sogar nicht ausgeschlossen, daß eine wörtliche Über-einstimmung bei dem Punkt vorliegt, den die Kritik für sich als Hauptstützeverwendet, nämlich in betreff des Lagersturms. Waren denn nicht wirklichschon die einzelnen Abteilungen der Deutschen im Anmarsch, schon zum Los-schlagen gerüstet, als Varus noch schnell einige Urteile vollstrecken ließ?Darin bestand ja seine liebste Tätigkeit.
Und sogar noch eine zweite Möglichkeit liegt vor. Bei Vellejus Pater-culus nämlich lesen wir einen Satz, der durch unsere Annahme erst ver-ständlich wird. Nachdem uns dieser Reiteroberst, dem wir gerade in diesemZusammenhange eine gute Urteilsgabe zutrauen dürfen, die furchtbaren Aus-maße und fast beispiellose Schrecklichkeit des Unglücks beschrieben hat, schilderter die M a t t h e r zi g k e i t des Anführers, die Treulosigkeit derFeinde und die U n g u n st des Geschickes als die Mächte, die das Verhängnisheraufbeschworen haben und erläutert dann den letzteren Umstand noch be-sonders, indem er von dem Heere, das er als hervorragend tüchtig gepriesenhat, die Schuld mit folgenden Worten abwälzt: „Selbst das ward dem Heerenicht gestattet, sich der Gelegenheit hervorzubrechen oder sich aus derschwierigen Lage zu befreien nach Wunsch und Willen zu bedienen; wurdendoch einzelne mit schwerer Strafe belegt, weil sie ihre Römerwaffen auch mitRömermut geführt hatten." Unbegreiflicherweise ist nun diese Stelle stets alsunerklärbar beiseite geschoben worden, statt sie mit dem Berichte des Florusin Verbindung zu bringen. Paßt es denn nun nicht auch trefflich in den Zu-sammenhang der Ereignisse hinein; paßt es nicht auch durchaus zu dem Bilde,wie es uns Florus von Varus gezeichnet hat, wenn wir — woran zu zweifelnauch nicht der mindeste Anlaß vorliegt — den Bericht als w i r k l i ch e T a t -sache nehmen? Danach hat also noch während des Zuges Varus seinesRichteramtes gewaltet. Sein Richterstuhl muß auf dem Marsche mitgefühltworden sein, vielleicht zunächst zu dem Zweck, bei den über das aufständigeVolk zu verhängenden Strafen verwandt zu werden. Nun mußte er demFeldherrn dazu dienen, von dieser Stätte aus, dem Symbol seiner richterlichenGewalt, die letzten Strafurteile ausgehen zu lassen. Ein eigenartiges Spieldes Zufalls: es waren Römer, die vor dieses Tribunal als die letzten An-geklagten gerufen und vor demselben auch mit äußerster Strenge bestraftwurden. Offenbar nämlich hatte Varus gemeint, die Schuld für die erstenPlänkeleien trügen die Römer. Erst als Arminius selbst auf demKampfplatz erschien und seinen eigenen Heerbann nicht zur Unterstützung,sondern zur Bekämpfung der Römer heranführte, fiel auch dem Varus dieBinde von den Augen, indem er erkannte, daß die Warner nur zu recht ge-habt hatten.
Immerhin war auch so die Lage noch keine geradezu hoffnungslose. Daszeigt uns nicht nur die Darstellung des Dio, sondern auch die bestätigendeAuffindung des ersten Kampflagers unter Umständen und Kennzeichen, die