Armins Kriegsplan zur Vernichtung der Legionen 89
also auf verhältnismäßig engem Raume, sich das ganze Trauerspiel abgewickelthabe. Aber eine solche Behauptung aufstellen bedeutet nicht nur ein völligesVerkennen des Stiles des Schönredners Florus, sondern auch eine Herab-setzung des Dio- und Tacitus-Berichtes, zu der wir weder genötigt noch be-rechtigt sind. Wenn im Gegenteil Florus in seinem eigentlichen Vorhabenverstanden wird, daß er nämlich gar keine ins einzelne gehende Wiedergabeder Ereignisse, sondern nur eine mit starken Kontra st en arbeitendeSchilderung geben wollte, so fällt selbst der Schein des Wider-spruchs in sich selbst zusammen. Wir können sogar seine Angabenzur Belebung wie anch zur Ergänzung und Stütze unseres grundlegendenBerichtes heranziehen.
Doch hören wir zunächst, auf welche Stelle bei Florus die Forscher sichstützen, die glauben, ihn den anderen Berichterstattern vorziehen zu müssen.Nachdem er ein Bild von der frivolen Behandlung der Deutschen seitens desrömischen Statthalters mit derben Strichen gezeichnet hat, fährt er fort: „Sogriffen sie ihn, der an nichts dachte und nichts der Art fürchtete, unversehensan, während er sie — welche Sorglosigkeit! — vor seinen Richterstuhl berief;von allen Seiten dringen sie ein; das Lager wird erstürmt, drei Legionenwerden vernichtet. Varus ließ dem Verluste des Lagers ebenso wie Paulusdem Tage von Cannä seinen freiwilligen Tod folgen." Da das lateinischeWort für Lager caskra auch d i e Lager bedeuten kann, ist nicht einmal aus-gemacht, ob nicht die Gesamtheit der Lager gemeint ist, genau wie bei DioCassius: alle Lager fielen in die Hände der Barbaren; dann würde auchdiese Stelle des Florus nicht mehr für die Einlagertheorie sprechen. Beidieser Darstellung handelt es sich um eine „dramatische Zusammenrückungder Motive", wie sie bei Schriftstellern dieser Gattung uns auch sonst begegnet.Wem es in unserer Zeit darum zu tun wäre, mit wenigen Strichen einStimmungsbild zu zeichnen, der würde ebenso zum Telegrammstil greifen.Das aber konnte Florus um so eher tun, als historische, die Einzelheitenwiedergebende Berichte, vor allem auch im Staatsarchiv, vorhanden waren,die den äußeren Rahmen boten für solche, welche sich vom Gang der Ge-schehnisse in chronologischer, topographischer und strategischer Hinsicht genauerunterrichten wollten. Würde aber zu Florus' Zeit ein Leser die Folgerungenaus der Schilderung gezogen haben, wie heute die Anhänger der buchstäblichenFassung, so würde der Schriftsteller wohl selbst auf den diese Folgerung aus-schließenden Schluß seiner eigenen Darstellung hingewiesen haben, deruns für den Schlußakt des Dramas einen ganz anderen Schauplatz zeigt alsfür den ersten Teil. Man lese doch nur unvoreingenommen die Worte: „NichtsBlutigeres gab es je, als das Schlachten dort in den Sümpfen und Wäldern,nichts Unerträglicheres als den Hohn der Barbaren". Da muß man doch er-staunt fragen: Sollte denn Varus sein Sommerlager in einen Sumpfhineingebaut und diesen mit Wällen umzogen haben, wo er doch auch nichteinmal, weil er meinte, in „Freundesland" zu sein, zu seinem Schutze einessolchen Gürtels bedürfte wie Drusus in Aliso bei Oberadcn? Ist aber so auchbeiFlorus für die Endkatastrophe eine vom Sommerlager zu trennendeÖrtlichkeit anzunehmen, so brauchen wir uns nur der Einzelheiten des Taci-teischen Berichtes zu erinnern, und die Schilderungen kommen wiederauf dasselbe hinaus. Genau so nämlich wie Florus hätten auch bei