88 Die Varusschlacht
Waldungen gerieten, wehrten sie sich zwar gegen die, welche auf sie ein-drangen, gerieten aber auch gerade dadurch in nicht geringe Not; denn indemsie sich in einen engen Raum zusammendrängten, damit Fußvolk und Reitereizugleich mit voller Macht sich auf den Feind stürzen könnten, hatten sie untersich, einer von dem andern, und alle von den Bäumen viel zu leiden.
Kaum hatten sie sich mit Tagesanbruch auf den Weg gemacht, alsheftiger Regen und starker Wind hereinbrach, der ihnen weder vorzurücken, nochfesten Fuß zu fassen verstattete, ja sogar den Gebrauch der Waffen benahm.Denn weder Bogen noch Pfeile, noch Wurfspeere, noch die Schilde, die ja vomRegen durchnäßt waren, konnten sie ordentlich gebrauchen. Die Feinde, die derMehrzahl nach leicht bewaffnet waren und ohne Bedenken angreifen odersich zurückziehen konnten, wurden von dergleichen Unfällen natürlich wenigergetroffen.
Überdies waren sie weit stärker an Zahl, da auch von denen, die an-fangs noch unschlüssig waren, viele schon um der Beute willenzu ihnen stießen; deshalb konnten sie jene, deren Zahl bereits ver-ringert war — denn viele waren in den früheren Schlachten umgekommen—, um so leichter umzingeln und niederhauen.
Darum vollbrachten Varus und die andern angesehensten Männer, ausFurcht, entweder gefangen zu werden oder unter den Händen erbitterterFeinde zu sterben — verwundet waren sie schon —, eine furchtbare, aber not-wendige Tat: Sie töteten sich selbst. Als dies bekannt ward, wehrtesich auch von den anderen keiner mehr, wenn es ihm auch nicht an Kraftgefehlt hätte. Die einen folgten dem Beispiel ihres Anführers, die anderenwarfen die Waffen fort und ließen sich von dem ersten besten umbringen.Fliehen konnte keiner, hätte er es auch noch so gerne gewollt. So ward dennalles ohne Scheu niedergehauen, Männer und Rosse."
Nach diesem anschaulichen Berichte des Dio, den wir wörtli ch wieder-gegeben haben, ist es uns nun möglich, insoweit ein klares Bild der Varus-schlacht zu zeichnen, daß wir festhalten: das Drama in seinen ersten Aktenhat sich auf dem Marsch durchs Gebirge abgespielt. Wie uns schon früherdeutlich wurde, sind nach erfolgtem Angriffe 2 Lager geschlagen worden, diewir aus dem Bericht des Tacitus noch näher erkennen, und zwar genauentsprechend den Kampfoorgängen, wie wir sie von Dio dargestellt fanden.Um aber auch den Schein eines Gegensatzes zwischen den vorgelegten Be-richten von vornherein abzuwehren, sei bemerkt, daß in der Darstellung Dioseine Lücke ist. Der eigentliche Schluß fehlt, und wir wissen nicht, ob dieParalleldarstellung des Zonaras, der doch nur Auszüge gab, nicht auchschon ohne diese weitere Schilderung der Endkatastrophe gearbeitet oder über-haupt auch an dieser Stelle Kürzungen vorgenommen hat. So bietet unsdenn Tacitus eine doppelt wertvolle Bestätigung und Er-gänzung des Berichtes Dios.
Es ist aber bekannt, daß dennoch diese Quelle unserer beiden Haupt-zeugen als nicht geeignet für eine grundlegende Schilderung des welt-historischen Dramas erklärt worden ist, weil ein anderer Berichterstatter,Florus, eine Darstellung bietet, aus der viele glauben folgern zu müssen, daßes sich nicht um mehrtägige Marschgefechte mit nachfolgender Endkatastrophe,sondern um einen Überfall auf das Sommerlager gehandelt habe, bei dem dann.