Armins Kriegsplan zur Vernichtung der Legionen 81
unter Asprenas, dem Neffen des Varus, am rechten Ufer des Niederrheinszurückblieben.
So kam der letzte Sommer für die Statthalterschaft des Mannes, vondem ein römischer Schriftsteller sagt, das Schicksal habe ihn geblendet. Ver-blendet war Varus auch dann noch, als Segestes ihn auf die bestehendeVerschwörung aufmerksam machte, ja ihn bat, ihn und Armin in Ketten zulegen, um volle Unparteilichkeit zu wahren und eben auf diese Weise zugleichArmin unschädlich zu machen; denn das wußte Segestes ganz genau, daßArmin die Seele der Verschwörung war. Gelang es, ihn auszuschalten, sowar im selben Augenblick auch das Feuer auf dem Aufruhrherd erloschen.Aber „schon trat das waltende Schicksal der menschlichen Überlegung in denWeg". So sagte Varus denn, er könne das nicht glauben; übrigens wisse erden Beweis von guter Gesinnung gegen ihn nach Gebühr zu schätzen.
Inzwischen hatte Armin alle Vorkehrungen getroffen. Nachdem es ihmgelungen war, Varus zum Abmarsch in das Wesergebiet zu veranlassen,mußte nun ein zweiter Schritt getan werden. Diesem lag folgende Er-wägung zugrunde: es war nötig, Varus, der sein Sommerlager gerade in demJahr seines Unterganges ungebührlich lange im Wesergebiet belassen hatte,zu veranlassen, daß er nicht auf der üblichen Etappenstraße ins Winterlagerzurückkehrte, sondern auf einem Wege, der ihn durch schwieriges Gelände,durch Gebirgsland, führte, wo es ihm unmöglich war, seine Streitmacht zuentwickeln.
Um Varus in dieses schwierige Gelände hineinzulocken, wurde zunächstein Aufstand entfesselt bei einem Stamm, der, wie Dio Cassius berichtet,vom Sommerlager der Römer weitab lag. Dieses offene Aufstandsgebietkann natürlich nicht in der unmittelbaren Richtung der Haarstrang-Seseke-Lippe-Linie gelegen haben; denn was sollte es für einen Zweck gehabt haben,im Frühjahr Varus mit vieler Schlauheit und bemerkenswerter Diplomatieaus dem Gelände fortzulocken, in das er dann im Herbst wieder zurückkehrte?Hier eben hätten ihm ja gerade alle Mittel der römischen Kriegskunst: einedurch übersichtliches Gebiet führende Straße, Etappen st ationenund die gewaltigen Waffenplätze an der Lippe selbst zur Verfügunggestanden. Auf dieser Linie in ihrer ganzen Länge vom Sommerlager linksder Weser bis Vetera am Rhein wäre es ein Wahnsinn gewesen, die Römeranzugreifen; hier wären die Legionen, gestützt auf ihre überlegenen Kriegs-mittel, unzweifelhaft Sieger geblieben.
Wir müssen demgemäß ein anderes vom Sommerlager weitabgelegenesAufstandsgebiet suchen, zu dessen schleunigster Erreichung Varus den kürzestenWeg wählen mußte, weil der Aufstand als ein sehr ernster geschildert wurde,was er auch wirklich war. Daß dieser Weg durch ein Gebirge führte, konnteden Oberbefehlshaber nicht im geringsten bedenklich stimmen, weil er ja festglaubte, er befände sich in „Freundesland". Sicher haben sich die Warnungendes Römerfreundes Segest und seiner Parteigänger auch auf diese Gefahrbezogen, woraufhin Varus wohl immer wieder gesagt haben wird: „wirziehen ja durch Freundesland".
Wir sind nun in der gücklichen Lage, aus einer bisher kaum beachtetenNotiz des Tacitus einen für den Nachweis des ursprünglichen Aufstand-gebiets weitab vom Sommerlager wichtigen Schluß zu ziehen. Als nämlich
Proin, Aliso und die Varusschlacht. b