76 Die Varusschlacht
herab Arminius redete, wie viele Galgen für die Gefangenen angelegtwurden, wie viele Gruben, und wie er die Feldzeichen und Adler frech ver-spottete. —
So brachte denn das anwesende römische Heer sechs Jahre nach derNiederlage der drei Legionen Gebeine und zwar, da keiner unterscheidenkonnte, ob er der Feinde oder der Seinen Reste mit Erde bedeckte, allesamtwie Verbündete, wie Verwandte zur Ruhe, mit gesteigertem Zorn gegen dieFeinde, tief betrübt zugleich und tief erbittert. Das erste Rasenstück bei Er-richtung des Grabhügels legte der Cäsar, den Toten ein willkommenerDienst, den Anwesenden ein Zeichen, wie sehr er ihren Schmerz teilte."
Vergegenwärtigen wir uns nun noch einmal den Standort des Ger-manicus im Jahre 15 n. Chr., als er auf seinem von Norden nach Südenan der Eins entlang gehenden Marsch die Lippe erreicht hatte. Wir werdenuns doch die Aufstellung des Heeres nicht etwa so denken wollen, daß diesegewaltige Masse — 8 Legionen, 4t) Kohorten und die entsprechende Reiterei >—in schmaler Marschformation von der Ems zur Lippe sich verteilt habe. Wirmüssen doch bedenken, daß Stertinius vorher einen Angriff gegen die Bruk-terer unternommen hatte, der ihn nach Westen geführt haben muß. Dannwird das ganze Gebiet zwischen Ems und Lippe als verwüstet bezeichnet undgesagt, daß nunmehr „Germanicus das Gebiet der letzten Vrukterer" erreichthabe. Da nun Strabo uns die Lippe als einen Fluß erkennen läßt, derdurchden Gau der kleinen Vrukterer fließt, und noch der spätrömische Dichter Clau-dian die Vrukterer bis an den Hercynischen Wald — damit kann hier nur derHaarstrang gemeint sein — wohnen läßt, so steht das Bild des kleinbruk-terischen Siedlungsgebietes deutlich vor unseren Augen, vor allem auch dieWestgrenze dieses Stammes. Strabo nämlich gibt seiner Notiz von der Paral-lelität der beiden Flüsse Ems und Lippe eine sehr bezeichnende Einschränkung,indem er nicht — wie seine Worte allerdings oft mißverstanden wordensind — die beiden Flüsse in ihrem ganzen Lauf als gleichlaufend bezeichnet,sondernnursoweit, wie die Lippe 6vt) Stadien weit vom Rhein durchdas Land der kleinen Vrukterer strömt. Da 6W Stadien — 112 llirr sind, sokommen wir mit dieser Entfernungsangabe, von der römerzeitlichen Lippe-mündung gegenüber Vetera (Tanten) an gerechnet, genau in die Gegendzwischen Lippstadt und Hamm, nach Lippborg. Tatsächlich kann bis dorthinvon einer gleichen Richtung der beiden Flüsse geredet werden. So kann alsowestlich die Verwüstung des Gebietes nur bis in diese Gegend, östlich abernicht über Lippstadt hinausgegangen sein, da dort die jedenfalls 15 n. Chr.noch weiter als heute sich ausdehnende Senne beginnt, in der nichts mehr zuverwüsten war. Somit muß das Heer des Germanicus sich über den ganzenStrich von Lippborg bis Lippstadt verbreitet, überhaupt bei dem geringenAbstand von Ems und Lippe den ganzen Zwischenraum gefüllt haben. Danun die Wohnsitze der kleinen Vrukterer, die erst auf dem linken Lippeuferihr Ende erreichten, beim weiteren Vordringen des Germanicus genanntwerden, so muß auch gegen diese die Front des Heeres gerichtet gewesensein. Wenn wir dabei annehmen, daß das marschierende Römerheer von dermittleren Ems bei Rheine bis zur Lippe etwa 85 Icirr ständig durch Brukterer-gebiet gezogen war, so mußten die „letzten" Vrukterer die südlichsten sein,so daß sich auch bei den für diesen Germanicuszug zu fordernden geogra-phischen Ansehungen die Angaben Strabos bestätigen.