74 Die Varusschlacht
Weise geschehen. Nur so konnte Arminius auch über das Kriegsziel selbstim unklaren gehalten werden. Handelte es sich wirklich um 3 Einzelunter-nehmungen, für jede der 3 Heersäulen um eine besondere? Sollte das zwischenEms und Weser liegende Gebirgsland etwa von Rheine aus nördlich um-gangen werden, so daß, wenn überhaupt, dann eine Vereinigung der beidenHeeresabteilungen, des Germanicus und des Pedo, jenseits der Ems statt-fand? Und wie war der Auftrag des Cäcina gedacht? Er zog ja durch dasLand der Vrukterer, vielleicht bis Haltern der Lippe folgend. Wollte er nunnach Südosten weiter ziehen auf Aliso bei Oberaden los und über den Haar-strang nach Osten, wie Drusus es vor 26 Iahren getan hatte oder wollte erin nordöstlicher Richtung weiter zur Ems? So wurde in der Tat Arminüber das Kriegsziel im unklaren gehalten, oder wie Tacitus hinzufügt: „DerFeind wurde a u se i n a n d e r ge h a lt en." Er mußte sich gefaßt machenauf drei verschiedene oder auf zwei Einzelangriffe. Er mußte aber auch mitder Möglichkeit rechnen, daß er sich dem gesamten Römerheere gegenübersah, wobei dann wieder der Schauplatz des großen Entscheidungskampfesunsicher blieb.
In der Tat muß der Zweck dieses geteilten Aufmarsches zunächst erreichtworden sein, denn wie hätte sonst Germanicus ungehindert und ungesehen dasVarianische Schlachtfeld besuchen können? Freilich wurde durch den nun ent-standenen Zeitverlust der anfängliche Gewinn des verschleierten Aufmarschesins Gegenteil verkehrt. Hatten nämlich anfangs die Römer den Vorsprungder bestimmenden Handlung, so fiel diese alsbald den Germanen zu, wie derFortgang und Schluß des Feldzuges, namentlich der Verzweiflungskampf derHeeresgruppe des Cäcina bei den „langen Brücken" zeigte, wo auf dem be-schleunigten Rückmarsch um Haaresbreite diesem alten Haudegen das Schicksaldes Varus bereitet worden wäre.
Alles in allem: So gut der Aufmarsch durchdacht erscheint, so ist Ger-manicus doch nicht imstande gewesen, die Vorteile des Geländes auszunutzen:er hat es nicht verstanden, den Grundgedanken der Moltkeschen Strategie:„Getrennt marschieren, aber vereint schlagen" in die Tat umzusetzen: er hattenicht die Entschlußkraft zu einer bei seinem Massenaufgebot von 8 Legionenaussichtsvollen Offensive, und den wichtigsten Bundesgenossen im Kriege, dieZeit, hat er nicht auf seine Seite zu bringen gewußt.
Endlich das Schlimmste: als er zwischen Ober-Ems und Lippe stand,war er, so zu sagen, auf dem „toten Punkt" angekommen. Er selbst hattedie Fühlung mit dem Feind verloren. Dieser aber wußte nach der Vereinigungder drei römischen Heersäulen an der Ems jetzt, daß er das gesamte Heer vorsich hatte und konnte nun seinerseits seinen ganzen Heerbann nach dieserRichtung einsetzen.
Was nun den tieferen Grund zum Besuch des Schlachtfeldes des Varusbetrifft, so hat es sich also mehr um ein impulsives Unternehmen, als umAusführung eines von vornherein in den Gesamtplan eingestellten Aktesgehandelt. Dabei hat sicher auch noch eine besondere Eigenart, die typischeNeigung kleiner Geister, mitgespielt: den Mangel strategischer Befähigung zuverdecken und irgendwie einen Ersatz dafür sich zu verschaffen. Wir wissenaus anderen Berichten des Tacitus, wie es dem jugendlichen General daraufankam, sich bei seinen Truppen in Gunst zu setzen, sich beliebt und volkstümlich