Vorfragen zur Varusschlachtfeldforschung 73
gewesen ist; lautet doch so auch die Überschrift zur Weissagung vom Jahre1701, in der die ältesten Spuren der aufgezeichneten Sage aus uns gekommensind. Auch die Schlacht am Birkenbaum war eine Grenzschlacht.
Es kommt nun alles darauf an nachzuweisen, daß wirklich im Jahre ISGermanicus, der, von Norden kommend, die Ems aufwärts zog und, wieuns überliefert ist, auch die Lippe traf, nicht nach Osten umbog, sondern dieLippe überschritt und somit den Arnsberger Wald erreichte. Dieser müßtedann das Gebirge sein, das die Legionen des Varus von Osten nach Westendurchzogen.
Es ist Hülsenbeck gewesen, der, soweit ich urteilen kann, den klaren Be-weis erbracht hat, daß Germanicus tatsächlich die Lippe überschritten undsüdlich derselben im Gebirgsland die Zuglinie des Varus senkrecht ge-schnitten hat. Um diesen Vorgang zu erkennen und vor allem auch: um unszu überzeugen, daß keine andere Marschrichtung als eine nordsüdliche bis zurErreichung der Varuszuglinie möglich ist, müssen wir in aller Kürze den Zugdes Germanicus skizzieren, soweit eine Wiedergabe der Ereignisse desJahres 15 für unsere Zwecke erforderlich ist.
Nachdem Tacitus meisterhaft und lebenswahr uns eine zum Rachekriegund Freiheitskampf aufrufende Rede des Arminius wiedergegeben hat, fährter fort (Buch I, Kap. 6V u. 61): „Aufgereizt wurden durch solche Reden nichtdie Cherusker allein, sondern auch die angrenzenden Stämme: auch Jnguio-merus ward zu ihnen hinübergezogen, der Oheim des Arminius, der bei denRömern in altbegründetem Ansehn stand. Es wuchs dadurch dem Cäsar dieBesorgnis, und damit der Krieg nicht auf einmal mit voller Wucht herein-bräche, sandte er, um die Feinde auseinander zu halten, Cäcina mit vierzigrömischen Kohorten durch das Bruktererland an den Fluß Ems. DieReiterei führte Pedo, ihr Präfekt, durch das Gebiet der Friesier. Erselbst fuhr mit vier auf Schiffe gesetzten Legionen über die Seen, undzu gleicher Zeit traf das Fußvolk, die Reiterei, die Flotte an dem genanntenFlusse zusammen. Die CHauken wurden, da sie Hilfe zusagten, zu Mit-streitern angenommen. Die Vrukterer, welche ihr eigenes Land mitSengen und Brennen verheerten, schlug Lucius Stertinius, mit leichtgerüsteterMannschaft von Germanicus gegen sie geschickt und mitten zwischen Blut undBeute fand er den A d l e r der neunzehnten Legion, der mit Varus verlorenwar. Sodann ward das Heer bis in die äußersten Teile des Bruk-tererlandes geführt und alles Land zwischen Ems undLippe verwüstet, nicht weit vom Teutoburgiensis Sal-tus, wo, wie man sagte, Varus und seiner Legionen Überreste unbe-stattet lagen." —
Wenn wir den vorstehenden in seinem wirklichen Wortlaut wieder-gegebenen Kriegsbericht bezüglich der Anmarschlinien und der ihm zugrundeliegenden strategischen Idee untersuchen, so gewinnen wir zunächst noch ein-mal eine Bestätigung unserer Annahmen für das Verhältnis der Ems- undLippelinie bzw. der Verlängerung dieser beiden Linien bis zu ihrer Kreuzungin der Gegend des Römerlagers von Kneblinghausen.
Sollte überhaupt bei der feindlichen Berührung der Römer mit denunter Cheruskischer Leitung stehenden Völkern eine Verschleierung desAufmarsches möglich gemacht werden, so konnte das nur in der geschilderten