Vorfragen zur Varusschlachtfeldforschung 71
dem Osning wieder zu seinem wirklichen Namen zu verhelfen, um damit zubezeugen, daß die Übertragung des „Teutoburger Waldes" nach Detmold nurauf eine Hypothese sich stützt. Bei dieser ist es nun so zugegangen: Der Det-molder Arzt und Historiker Cluwer — wie er sich selbst nannte Clüverius —verfaßte um 1632 die Schrift: „Das alte Deutschland" („derirruiriu antr-cjriu"). Nachdem damals vor stark einem Jahrhundert in Corvey an derWeser 1314 die Annalen des Tacitus wieder entdeckt worden waren, die unsim 7. Kapitel des 2. Buches das Kastell Aliso und den Drususaltar, im1. Buch Kap. 61 aber „den Teutoburgiensis Saltus" nennen, war es be-greiflich, daß man nicht nur Elsen westlich Neuhaus—Paderborn für Aliso,sondern das in entsprechender Nähe liegende Gebirge, den Osning, für den„Teutoburgiensis Saltus" erklärte. Für diese Gleichung setzte sich dann auchmit Nachdruck der Paderborner Bischof von Fürstenberg ein. Der Grund-gedanke war der: da Aliso in Elsen bei Paderborn einwandfrei nachgewiesenist, und in dieses Lager die geschlagenen Trümmer des Varianischen Heeressich flüchteten, so kann nur der Lippische Wald oder Osning der zu forderndeGebirgszug sein, wo das große Drama sich abspielte. Und diese These hatsich dann durch die Jahrhunderte behauptet, ja sie zählt heute noch nicht ebenwenig Anhänger.
Dennoch war es gerade ein Paderborner Gelehrter, GymnasialprofessorF. Hlllsenbeck, der es 1878 wagte, mit einer neuen Hypothese aufzutreten.Aliso westlich Lünen in Alstede auf dem Heikenberg annehmend, suchte er dasVarusschlachtfeld im Arnsberger Wald und den Ort der Endkatastrophe west-lich Werl. Er war auch der erste Forscher, der den A u g u st ei s ch e n Münz-fund von Vudberg gebührend einschätzte und noch einen Schritt weiter ging,indem er auch die Sage von der V i r k e n b a u m s ch l a ch t mit heran zog.Er erklärte nämlich diese weithin bekannte Überlieferung für ein Ereignis derGeschichte, die vom Volk nur irrtümlich in die Zukunft übertragen worden sei.
Es ist dieser Hypothese Hülsenbecks schlecht genug ergangen. Trotzdemjeder vorurteilsfrei an diese Schrift: „Die Gegend der Varusschlacht", Pader-born 1878 (Iunfermanns Buchdruckerei), herantretende Leser sich nur freuenmüßte über die straffe und quellenmäßige Beweisführung, war damals nochdie unter Berufung auf den Namensklang auftretende Hypothese Elsen beiPaderborn — Aliso zu mächtig, als daß sie und mit ihr die Gleichsetzung desOsning mit dem „Teutoburger Wald" hätte erschüttert werden können;mancher mochte auch ohne kritische Bedenken sich nur gefühlsmäßig von demGedanken leiten lassen, daß das eben feierlich eingeweihte Hermannsdenkmalnirgendwo sonst stehen könnte, als auf dem Boden der alten Grotenburg, anderen Abhang der Toythof lag, der damit zugleich den Beweis Grotenburg —Teutoburg erbrächte. Schließlich kam es so weit, daß sogar ohne Anführungder vermeintlichen Irrtümer Anhänger der Hypothese Hlllsenbeck eben darumschon nicht für ernst genommen wurden.
Und dennoch ist es nicht nur vom rein menschlichen Standpunkt aus,sondern auch im wissenschaftlichen Interesse sehr zu begrüßen, daß die Schriftvon Henke und Lehmann: „Die neueren Forschungen über die Varusschlacht"(Bertelsmann, Gütersloh 1909) mutig für den wackeren Paderborner Ge-lehrten eintrat, wesentlich mitbestimmt durch die Gleichung Elfe bei Oberaden^ Aliso.