Die Zwischenzeit von der Wegführung der Sugambrer bis Varus 67
Bezeichnung genau und zutreffend, denn die Weserlinie ist ja wirklich imSinne der Römer die Mitte Germaniens, da sie dieses vom Rhein biszur Elbe reichen ließen.
Drususlager Aliso, Tiberiuslager an der Julia, Stereontion —Haltern a. d. Lippe sind also die Winterlager gewesen, von denenwir, sei es aus den klassischen Quellen allein, sei es durch den SpatenKenntnis bekommen haben.
Wie aber sollen wir es nun deuten, daß zwischen dem Frühtermin11 v. Chr., wo römische Truppen zum ersten Male und zwar in Aliso rechtsvom Rhein, und dem Jahre 4 n. Chr., wo sie zum ersten Male „mitten inGermanien" 200 lern östlich des Rheines überwinterten, eine so langeSpanne, 15 Jahre, liegen? Und warum gingen schon so bald die Römerwieder soviel näher an den Rhein heran? denn, wie eine datierbare Inschriftauf einer Halterncr Amphore beweist, sind sie bereits im folgenden Winterhier verblieben. Hatte das überwintern im Wesergebiet doch zuviel Unzu-träglichkeiten mit sich gebracht? War es überhaupt nur ein auf Wiederholungnicht berechneter Versuch? Oder hatte sich im Gegenteil herausgestellt, daßdie Cherusker wirklich zuverlässige Freunde waren, die es sogar übel deutenkönnten, wenn eine so große Heeresmacht wieder und wieder ihnen ins Landgelegt wurde?
Wir könnten uns denken, daß vielleicht sogar die Brukterer westlich vonden Cheruskern sich als eine sehr unbequeme Volksgruppe erwiesen hätten,deren Bezwingung und dauernde Niederhaltung nunmehr die erste Aufgabesein mußte. Da wir nun auch um jene Zeit von Kämpfen gegen die Chattua-rier und Kaninefaten hören, so mag es fast scheinen, als ob in den Gegendenunmittelbar rechts vom Rhein Unruhen entstanden seien, sobald fast dasgesamte Heer so weit östlich bei den Cheruskern stand.
Genug: in den letzten Iahren vor der Varuskatastrophe, 5—9 n. Chr.war Haltern für mindestens eine Legion Winterlager. Wennuns so auch Halterns letzte Zeit (5—9 n. Chr.), die zugleich die Periodeseiner Blüte ist, im Lichte der Ausgrabungen sowohl, wie auch im Einklangmit den klassischen Berichten durchaus verständlich erscheint, so stellt doch dielange Zwischenzeit, vom Tode des Drusus oder der Übernahme der Statt-halterschaft des Tiberius (Winter 8/9 v. Chr.) bis 4 n. Chr. ein vielleicht nievöllig lösbares Problem dar, und dieses wird noch verstärkt durch den Fundeiner ihrer Prägzeit nach ins Jahr 2 v. Chr. gehörigen Münze in der Kultur-schicht des Feldlagers, wodurch, entgegen fast allen früheren Annahmen,bewiesen wurde, daß dem über dem Feldlager errichteten Standlager längstnicht die frühe Entstehung zuzuschreiben war, wie es bis dahin als selbstver-ständlich gegolten hatte.
Damit fiel nun freilich auch die Halterner Aliso-Hypothese: denn wennim Jahre 2 v. Chr. und vermutlich auch noch etwas später — weil dochwohl nicht sofort aus der Präge die betreffende Münze in den Boden desFeldlagers gewandert war — das größte Lager von Haltern nur einFeldlager war, dann konnte dieses doch nicht mehr seinen Anspruch aufden Namen des ältesten Standlagers — Aliso — aufrecht erhalten. So mußdenn angenommen werden, daß auch wohl kaum vor 4 n. Chr., wo dasTiberiuslager im Wesergebiet erscheint, in Haltern große Truppenkörper über-