Die Zwischenzeit von der Wegführung der Sugambrer bis Varus W
noch einleuchtender, wenn wir bedenken, daß auch noch die Lesart struirtronvorkommt. Schon Müller nahm im Jahre 1883 in seinem großen Ptolemäus-Werk an, daß Stereontion — Haltern sei, also zu einer Zeit, als man nurerst schwache Anzeichen auf dem Annaberg für Haltern als Römerort hatte.Die Römer konnten nun freilich unmöglich auf den Gedanken kommen, wennsie an der Lippe ihr Lager errichteten, es an einen trockenen Arm diesesFlusses zu verlegen. Tatsächlich ist aber das Halterner Uferka stell un-mittelbar am nördlichen Rande der früheren, nun trockenen Lippe entdecktund in schwerster, die Halterner Ausgrabungstechnik zur vollen Entfaltungbringenden Spatenarbeit erforscht und klargestellt worden.
Wie die R ö m e r a n l a g e n, so hat aber auch die mittelalter-liche Stadt Haltern sich, wie das ganz natürlich ist, ans Wasser, nicht etwaan das ausgetrocknete Flußbett, herangemacht; und wie ein im heutigenSteverbett — das also früher Lippebett gewesen sein muß — gefundenerSchiffsanker beweist, haben sich hier die heutigen Stromverhältnissegegenüber denjenigen der Römerzeit stark gewandelt.
In der Tat ging, wie nun auch spatenarchäologisch bewiesen ist, derrömerzeitliche Lippelauf in nördlichem Bogen und in einem Abstandvon 1 Irrn von der heutigen Flußrinne unmittelbar an den römischen Ufer-anlagen und später auch am Südrand der Stadt vorbei. Wir müssen alsofür die gesamte Siedlung: die Römerbauten und die Stadt, das erst späterhinzugetretene Bestimmungswort Uni — trocken streichen und gewinnendann die Grundform stroir, die uns sagt, daß von der Einmündung der Steveran, dieses bedeutendsten Lippenebenflusses, so viel reichere Wasserfülle vor-handen war, die nicht ohne Berechtigung die Lippe für den Unterlauf nochmehr wie für den Mittellauf, jedenfalls aber von Stereontion an als ein fürSchiffahrtszwecke besonders geeignetes Gewässer erscheinen ließ.
Wie das verschiedene Alter der hier ausgegrabenen Anlagen aber beweist,hat es einige Zeit gedauert, bis die Römer sich entschlossen, diese ihrenZwecken in hervorragendem Maße dienlichen Vorzüge, die doch ihremstrategischen Blick nicht verborgen geblieben sein können, voll auszunutzen. Esist, als wenn uns zunächst eine gewisse Unsicherheit in der Verwendung undim Ausbau dieser Stätte begegnete; mit Recht redet daher schon vor fast2S Iahren, als die Ausgrabungsleitung vor immer neuen, aus dem Bodenaufsteigenden Bauresten und zugleich vor neuen Rätseln stand, der amtlicheBerichterstatter von einer „fast verwirrenden Vielseitigkeit".
Es ist aber wunderbar, wie beim Versagen der klassischen Überlieferungund trotz der blassen Form ihrer allgemeinen Berichterstattung der Spatendie Linien aus dem Schoß einer fast 2l)Währigen Versunkenheit wiedererstehen ließ, die uns ahnen lassen, ein wie vielseitiges und bewegtes Lebensich auf diesem hochhistorischen Gelände für zwei Jahrzehnte entfaltet hat.Dasselbe hat mit seinen einfachsten und ältesten Anlagen sicher der großenMilitärstation bei Oberaden als Etappe gedient. Hier bereits mußtevielleicht bei niedrigem Wasserstand der Landtransport gewählt werden.Darum konnte ein Hafen- oder Schiffsanlegeplatz nicht entbehrt werden. Unddaß dieser in sich selbst eines Uferkastells zu seinem Schutze bedürfte, ist klar.Ebenso einleuchtend ist aber auch, daß der Platz auch in seinem größeren Um-fang eine Sicherung gegen Gefahren aus der weiteren Umgebung erforderte.
Prein, Aliso und die Varusschlacht. 3