Die Zwischenzeit von der Wegführung der Sugambrer bis Varus 63
und den militärischen Geist unter der Bevölkerung wach erhielten. Ganz vor-trefflich mag dazu der Nachtdienst geeignet gewesen sein, der ständig an derOstgrenze des Bezirks zu leisten war, wo die Türme besetzt gehalten wurden.
Was die Verpflegung betrifft, so war diese gesichert durch denAckerbau, den auch die „Soldaten" in jener Zeit schon ebenso sicher geleistethaben, wie die Ernteurlauber unseres alten Heeres. Fest mit der ihnen an-vertrauten Scholle verwachsen, von deren Erträgnissen sie selbst lebte, spätervon der Cheruskischen Kriegspartei gehaßt, hat diese Bevölkerung den Römerndie Treue und Aliso gehalten. Wohlweislich ist ihr darum auch von Anfangan der Empörungsplan verborgen gehalten worden. Als nun der Sturmlosbrach, flüchteten naturgemäß diese Umwohner Alisos hinter die Wälle deralten Drususfestung, die selbstverständlich ebenso instand gehalten worden war,wie das Uferkastell an der Lippe 2 Um westlich.
Sicher hat sich in dieser Festung auch noch in reichlicher Menge auf-gehäufter Vorrat von Geschirren befunden; denn das wird man den Römernnicht zutrauen dürfen, daß sie eine mit soviel Mühe erbaute Festung schleiftenoder sie, ebenso sehr allen Grundsätzen der Militärverwaltung hohnsprechend,dem Verfall überlassen hätten. Sie mußten sie in Kriegsbereitschaft und inVerteidigungszustand belassen für den Fall, daß der „Friede" wieder aufhörenwürde. Und wenn allen diesen Erwägungen zum Trotz die römischen Statt-halter das mittlere Lippegebiet um Oberaden völlig vernachlässigt hätten,mußten sie dann nicht allein um der Lippefurt willen hier an der alten „LortuLugumbricu" treue Hüter haben, die auch dem Durchbruch der südlippischenStämme auf das Nordufer wehren mußten? Selbst Haltern wäre ja vonSüdosten her ungedeckt gewesen, wenn der Schlüssel zum Nordufer sich zuwillkürlichem Gebrauch in den Händen der Feinde befunden hätte.
Blicken wir nun zurück auf die Militärstation im Lippe-Seseke-Winkel,zu der wir auch den Platz im Seseke-Körne-Winkel: „am Keveling" und „ambeilaufenden Turm" hinzurechnen, so haben wir natürlich heute noch nicht dieMöglichkeit, über die noch im Boden steckenden weiteren Punkte, namentlichauch die „Türme" selbst und die weiteren Befestigungen an der östlichenSperrlinie, feste Angaben zu machen. Doch werden wir in späteren Abschnittennoch auf unsern historischen Bezirk zurückkommen.
Nun sind wir aber in der angenehmen Lage, gerade für die Zeit, welchemit der Sugambrerverpflanzung anhebt und mit der Varuskatastrophe ab-schließt, die große römische Militärstation im Lippe-Stever-Winkel, Halternemporsteigen zu sehen, deren Ausgrabung, am Ende des vorigen Jahrhunderts(1898) angefangen und, mit Unterbrechungen bis heute fortgeführt, uns über-haupt erst in Westfalen einen großen Römerplatz hat gewinnen und erkennenlassen. Wenn auch der Name dieser Militärstation uns in den klassischenQuellen, soweit sie uns Kriegsberichte geben, nicht genannt wird, so habenwir doch einen deutlichen Hinweis auf Plätze dieser Art, da uns DioCassius aus der letzten Zeit vor der Varianischen Katastrophe berichtet: „Im,Keltenland' (Germanien) hatten die Römer gewisse Gegenden in Besitz, dienicht auf einmal, sondern, wie es sich gerade traf, unterworfen worden waren,weshalb auch keine historische Überlieferung darüber vorliegt. Soldaten lagendort in ihren Winterquartieren, Städte wurden gegründet, dieBarbaren in ihrer Lebensart umgewandelt, Märkte und Ver-