Aliso vor der Varusschlacht
zu brechen, indem er die Unterhändler allesamt in Ketten legen ließ, sie auchhin und her im fremden Land verteilte. Und was geschah? Sie alle nahmensich selbst das Leben. Nun hatte Augustus leichtes Spiel, denn von demAugenblick an, wo das tapfere Volk seiner Führer beraubt war, waren dieGermanen eine Zeitlang ruhig. Doch wollen wir gleich hier zurErklärung dieser nur befristeten Untätigkeit hinzusetzen, was uns Strabonoch sagt: „Die Sugambrer haben schwere Vergeltung geübt." Das deutetauf ihren Anteil an der Vernichtung der 3 Römerlegionen, ein Vergeltungs-gericht, das ohne die Sugambrer gar nicht in Gang gekommen wäre. „DieWeltgeschichte ist das Weltgerich t."
Doch wir stehen noch in der Zeit des Tiberanischen Kommandos 8 v. Chr.Bekanntlich fällt in dieses Jahr die Verpflanzung der 40000 Su-gambrer auf das linke Rheinufer, wo sie in der Gegend von Goch wiederangesiedelt wurden, bezeichnenderweise nicht mehr unter ihrem ursprünglichenNamen, der den Römern furchtbar genug geworden war, sondern unter derUmnennung als Gugerner, worin manche Forscher eine Übereinstimmung mitGoch glauben erblicken zu dürfen.
Indem wir alle übrigen an dieses in ethnographischer und sagengeschicht-licher Hinsicht hochbedeutsame Ereignis sich anschließenden Wirkungen unsererspäteren Darstellung vorbehalten, wollen wir hier nur der Frage nachgehen,,ob sich heute noch Spuren auffinden lassen, die mit dieser Gewaltmaßnahmein Verbindung stehen. Müßte denn nicht eine so tiefgreifende Veränderung,wie es der Abschub eines ganzen Gaues ist, sich auch in der Abgrenzungund Neuvermessung des nun entvölkerten Bodens bis in die Gegenwart anGrenzlinien und mundartlichen Verschiedenheiten erkennen und nachweisenlassen? Und nun begegnen wir wirklich zwei bedeutsamen Notizen, die unssehr wichtige Fingerzeige geben. Die erstere, die wir bei Hieronymus finden,lautet: „Nachdem Tiberius Germanien in eine Einöde verwandelt hatte,erhielt er den Ehrennamen .Imperator'. Wir erinnern uns, daß bereits derscheidende Drusus seinen Bruder mit diesem hohen Titel angeredet hatte.Ist es ein Zufall, daß wir nun die wirkliche Verleihung im Zusammenhangmit der Ausführung eines Werkes finden, zu dem schon Drusus denAnfang gemacht hatte? Sahen wir in dem Erbauer Alisos den Be-zwinger der Sugambrer, so in Tiberius, der von dieser Festung aus dasWerk seines Bruders zum krönenden Abschluß brachte, den Vernichterder Sugambrer; doch müssen wir gleich eine Einschränkung hinzufügen..Es kann sich nicht um den ganzen Sugambrerstamm gehandelt haben.Es ist Strabo, der als nüchterner Geograph und trefflicher Kenner vonLand und Leuten im Lippe- und Ruhrland uns anschauliche Kunde gibtvon den großen Veränderungen, die nach dem Tode des Drusus, als Tiberiusdie Sugambrer verpflanzt hatte, auf dem rechten Ufer des Niederrheins ein-traten. Wir kommen dabei immer wieder zu dem Eindruck, daß es sichum Erläuterungen handelt, die einem kartographischen Werke entnommenwurden, oder um Beschreibungen einer Karte, auf der die einzelnen Stämmeoder Gaue durch Grenzen voneinander geschieden waren. So weiß er, daßWestdeutschland, soweit es sich am Rhein entlang erstreckt, in ethnographischerHinsicht früher ganz anders gestaltet war. Hier nun hatten eben die Römermit Gewalt eingegriffen, indem sie zunächst nördlich der Lippe wohnende