Der Drususzug S v, Chr. und Drusus' Tod in Aliso 37
Seite den Ehrenplatz im Prätorium einrichten und gab seinen Willen dahinkund, daß er schon jetzt den Namen des Konsuls und Imperators annehme.In eben demselben Augenblick — so berichtet Valerius Maximus weiter —entwich nicht nur der Atem, sondern räumte er auch der „Majestät seinesBruders" seine Stellung als Höchstkommandierender ein.
Bald bildete sich begreiflicherweise auch ein Kranz von legendenähnlichenBerichten, die das erschütternde Ereignis weiter ausmalten. Diese Zutatenmüssen sich auch schon früh zu den nüchternen amtlichen Verlautbarungenhinzugesellt haben, denn sie finden sich bei Dio Cassius schon erwähnt aneiner Stelle, wo er eine auf persönlicher Erkundung beruhende Mitteilungwiedergibt. Nach dieser hätten gerade im Augenblick des Todes Wölfe mitGeheul das Lager umkreist, zwei Jünglinge seien sogar mitten durch den Lager-graben geritten. „Waren es" — so fragt mit Recht ein Forscher — „dieseelenführenden Zwillingsbrüder Kastor und Pollux, welche die Manen desHeimgegangenen aus dem irdischen Lager am Elison emportragen wolltenzum Elysium ins Land der Verklärung?" Aber so laut und schauerlich auchdas Geheul der Wölfe durch das Dunkel der Wälder hallte, es übertöntenicht das Jammern von Frauen, bei denen man vor allem an des DrususMutter denken mochte, die mit äußerster Spannung in Ticinum an der Seiteihres kaiserlichen Gemahls auf die Botschaft wartete, die ihr die über dieAlpen entsandten Eilboten bringen sollten. Stimmungsvoll hat sich auch einGedicht: „Trostworte an Livia" mit diesem ergreifenden Gegenstandbeschäftigt. Nachdem dies Trauerlied die Großtaten des Drusus, namentlichauch im Sugambrerland südlich der Lippe, gefeiert und vom wohlverdientenTriumph geredet hat, geht es auf die besonderen Umstände der Tragödie ein.Der Dichter empfindet es als tiefes Leid, daß der Tod den Prinzen ereilte imfernen Land, wo eine den Gesetzen der Pietät entsprechende Beisetzung nichtmöglich, auch kaum statthaft war. Aber freilich die mit inniger Liebe demjungen Feldherrn zugetanen Soldaten verlangten stürmisch von dem nun-mehrigen Oberbefehlshaber Tiberius, er möge ihnen den Leichnam seinesBruders frei geben, sie wollten ja aus den Siegeswaffen einen Ehrenhügelaufschichten, ihn anzünden und so eine feierliche Feuerbestattung vornehmen.Wir können uns den Vorgang, der sich im September 9 v. Chr. im Lagerbei Oberaden abspielte, wohl kaum dramatisch genug vorstellen. Wenn auchmanches auf Kosten dichterischer Freiheit zu setzen sein wird, so schält sichdach aus dem Ganzen auch der nüchternen Betrachtung ein durchaus glaub-hafter Kern heraus, den auch Prosaschriftsteller uns vermitteln. Nach ihnenmußte Tiberius sein ganzes kaiserliches Ansehn einsetzen, um den Legionen,die sich nicht leicht dem wenig volkstümlichen neuen Kommando unterordnenwollten, deutlich zu machen, daß sie auch bei ihrer Trauer römischen Geistbeweisen und römische Sitte behaupten müßten. Mit einem Worte: ihreTrauer müsse sich durch die Grundsätze der soldatischen Disziplin regeln. Erdeutete damit auf seine neue Stellung hin und wollte sagen: Soldaten, diedes Drusus Geist ehren wollen, müssen auch dem neuen Kommando sichfügen, das eben von keinem andern als von dem sterbenden Drusus selbstbestellt worden war. So gelang es denn endlich dem Tiberius, wie Senecauns meldet, den Leichnam zu seiner Verfügung zu erhalten. Und nun setztesich ein Leichenzug in Bewegung, wie die Welt kaum je einen gesehen hat.