36 Aliso vor der Varusschlacht
kein Leids geschah, kann es nur gegeben haben im Bereich der 36 rheinischenSperrforts, von denen sicher ein beträchtlicher Teil auf die Strecke Main-mündung—Lippemündung entfiel. Diese Strecke muß daher Tiberius gewählthaben, die römische Kurierstraße, die dann aber von der Lippemündung andiesem Fluß folgte, um in Aliso den vorgeschobenen Zentralpunkt derrömischen Kriegspolitik, das Hauptquartier des Drusus, zu erreichen. DieserMarsch nun entspricht genau der angegebenen Entfernung von 200 römischenMeilen 300 lern.
Wie denken wir uns nun den Transport des Schwerkranken vonder „Kalenbergischen Saale" westlich Hildesheim nach Aliso? Es werdenzwei Möglichkeiten anzunehmen sein: entweder ging der Zug in südwestlicherRichtung südlich Hameln über die Weser, über Paderborn nach Knebling-hausen und so weiter nach Aliso bei Oberaden, oder der Marsch führte nachHameln, wo der schwerkranke Drusus aus ein Weserschiff getragen wurde,das ihn bis zur Diemelmündung brachte. Und diese Art der Beförderungwird die wahrscheinlichere sein. Von da bis Kneblinghausen waren es nochzwei Tagemärsche, und von hier konnte man in drei Tagemärschen in Alisosein. Dabei mag von Anfang an mit der Annahme gerechnet worden sein,daß man nicht bis zum Rhein selbst, sondern nur bis Aliso kommen werde.Mit Recht haben daher auch bedeutende Forscher, vor allem Mommsen, stetsangenommen, daß Aliso des Drusus Sterbeort sei. Zugleich aberist auch noch eine besondere Notiz auf uns gekommen über den schon er-wähnten Drususaltar, den Tacitus in engstem Zusammenhang mit Aliso,aber zugleich auch so erwähnt, daß wir auch von ihm aus auf die Nähe desVarusschlachtfeldes schließen müssen aus der vergleichenden Parallelität, dieder große Historiker für den Drususaltar bei Aliso und den „Tumulus" aufdem Varusschlachtfeld annimmt, unter dem der den Gefallenen von Ger-maniens errichtete ehrenmalähnliche Hügel, ein Grabdenkmal, zu verstehen ist.Er wird uns später noch beschäftigen.
Wir dürfen aber schon jetzt tatsächlich annehmen, daß der tragischeLebensabschluß des Drusus sich vollzogen hat im Prätorium des Lagers inElsey, das auf Höhe 72,5 gelegen hat. Wir könnten uns denken, daß derletzte Scheideblick des Sterbenden auf den Sauerländischen Bergen geruhthabe, aus deren Schluchten heraus er sich zwei Jahre vorher durchschlug, umdann die Festung zu erbauen, die zugleich seine Todesstätte werden sollte.Die erschütternden Vorgänge bei diesem großen Drama sind uns deutlich,zugleich auch eindrucksvoll genug geschildert, um uns ein stimmungsvollesNacherleben möglich zu machen. Versuchen auch wir, sie in kurzen Zügennachzuzeichnen und ihnen einige Farbe zu geben.
Boten mochten gemeldet haben, daß der Prinz Tiberius, des Drususleiblicher Bruder, im Anmarsch sei. Da ordnet der Schwerkranke in demAugenblick, wo „Leben und Tod sich voneinander scheiden", an, daß dieLegionen mit den Feldzeichen, also gleichsam mit wehenden Fahnen undschmetternden Fanfaren, dem nahenden General entgegen marschieren. DaDrusus wohl wußte, daß er an den Marken seines Lebens stände, hatte erals Höchstkommandierender den Legionen den Befehl gegeben, Tiberius alsden Feldherrn zu begrüßen, der nun fortan in Germanien das Kommandozu führen habe. Weiter ließ Drusus auch seinem Bruder an seiner rechten