Der gegenwärtige Stand der Alisofrage 5
Mit der Zeit auch wurde es immer deutlicher, daß das Drususlager beiOberadeu einen starken Wandel durchgemacht haben muß, der sich nur mitder Wegführung der Sugambrer durch Tiberius 8 v. Chr. erklärenläßt, weil im entvölkerten Lande die Belassung von zwei Legionen (12 90VMann) in diesem Riesenlager völlig unerklärlich sein würde. Statt also denAusgrabungsbefund als ein Zeugnis für endgültige Räumung des Lagers unddes Lippe-Seseke-Winkels durch die Römer zu deuten, hätte die im Alisostreitkaum erwähnte Sugambrerverpflanzung viel stärker betont werden sollen.
Wenn nun schließlich noch die Einheitlichkeit des Drususlagersals ein gegen Aliso zeugender Beweis ins Feld geführt worden ist, so ist mitRecht von den besten Kennern unserer klassischen Quellen dagegen erwidertworden, daß uns nicht im geringsten die Überlieferung zwingt, eine durchUmbau erfolgte Veränderung des Lagers anzunehmen, wo doch von einerVergrößerung bei solchem Umfang überhaupt nicht, von einer Verkleinerungaber ebensowenig geredet werden dürfe, da für das erforderliche Kastellinmitten der Militärstation Aliso, wie schon angedeutet, nur an der Ostgrenzeunseres Flußwinkels, sei es nördlich, sei es südlich des Elison (Seseke) derrechte Platz war.
Nun hat aber die Alisoforschung vor etwa vier Iahren sich überhaupt los-gemacht von der veralteten Vorstellung, daß mit dem Jahre 16 n. Chr. dieRolle dieser Militärstation endgültig ausgespielt sei. Vor allen war esProf. Dr-. Sadee, der für Aliso die Forderung eines viel längeren B e -standes erhob, da ohne diese Militärstation die spätere römische Politikgegenüber den Germanen gar nicht zu verstehen sei. Da nun Halterns Ge-schichte mit dem Jahre 9 n. Chr. in der Hauptsache beendet sei, so könneschon darum dieser Platz nicht mehr als Aliso gelten. Auch Sadeehält aber für wahrscheinlich, daß die späteren Anlagen nicht unmittelbar aufdem Lagerplatz der Drususgründung zu suchen seien.
Es ist sehr zu begrüßen, daß bei diesem Stand der Alisoforschung diestarre Bindung an eine Anlage aufgegeben worden ist. Nur bei der Bewe-gungsfreiheit, die es uns gestattet, ja nach den neueren Ausgrabungsergeb-nissen es uns zur Pflicht macht, den Kreis der Untersuchung auch imRahmen der Oberadener Forschung weiter zu ziehen, erfassen wir das ganzeAlisoproblem noch einmal bei der Wurzel, indem wir zugleich aber auch denzeitlichen Rahmen weiter spannen. Unsere neugewonnene Ostlinie, dievon Heil a. d. Lippe, von Norden nach Süden an derKamener Westen-fcldmark vorbei, dem Unterlauf der Körne folgend dem Hellweg bei Massenzustrebt, wird uns zeigen, wie lange noch die Römer mit unserer Gegend inVerbindung zu bleiben sich bemüht haben; entstammen doch die spätrömischen,von uns im Seseke-Körne-Winkel gehobenen Römerscherben dem Ende desvierten Jahrhunderts. —
Aber noch ein anderes Wort Koepps, daß nämlich unter Berufung aufden Namensklang das Lager im Lippe-Seseke-Winkel unzweifelhaft vor demRömerplatz bei Haltern einen Vorsprung gewinnen werde, hat sich erfüllt; hatdoch bereits i. I. 1922 dieser Gelehrte selbst erklärt, es sei voreiliggewesen, den Namen Aliso mit Haltern zu verknüpfen. Damit ist auch dievordem mit dieser Römerstation im Lippe-Stever-Winkel verbundene Aliso-These hinfällig geworden.