Druckschrift 
2 (1890)
Entstehung
Seite
116
Einzelbild herunterladen
 

Bei diesem bedeutenden Altersunterschiede hätte man annehmen können,daß der an Jahren so viel ältere Mann um so leichter einenEinfluß auf die jugendliche und in jeder Hinsicht unerfahreneFrau auszuüben im Stande gewesen wäre. Dies war aber leidernicht der Fall. Beide von heterogenem Charakter, stimmten invielen Beziehungen nicht überein. Engelbert, sehr ruhigen Tempe-raments, äußerst gutmüthig, nachgiebig und voll von wahrer Herzens-güte, erblickte in seiner jungen Gattin sein Ideal, dem er mitgrenzenloser Liebe anhing. Ida dagegen, festen und entschiedenenCharakters, geistig begabt, eigenwilligen Sinnes und weniger nach-giebig, suchte vom ersten Tage an hauptsächlich ihren Willen durch-zusetzen. Aber trotz dieser Gegensätze war die Ehe Engelberts keineunglückliche, weil er aus schwärmerischer Liebe zu seiner Frau einenWiderspruch nicht zu erheben vermochte. Schon einige Wochen nachseiner Verheirathung sah sich Engelbert genöthigt, die beiden imKnabenalter stehenden Stiefbrüder seiner Gattin aufzunehmen und fürderen Erhaltung und Erziehung trotz seines spärlichen Einkommenszu sorgen. Nicht genug mit diesen beiden Knaben, wurde er auchbald darauf durch die Aufnahme der ehemaligen Amme, späterenKinderwärterin seiner Frau, beglückt. Es war die natürliche Folge,daß Engelbert durch diese Vergrößerung seines Hausstandes viel Ver-druß und Aerger und später, als er selbst Vater mehrerer Kinder ge-worden war, große Sorgen zu ertragen hatte. Die beiden Stief-brüder verblieben mehrere Jahre in seinem Hause und traten nachihrer Einsegnung in den Kaufmannsstand.

Die Kinderfrau Barbe verblieb bis zu ihrem Lebensende imHause Engelberts; in ihren letzten Lebensjahren schwach, hinfällig undzu keiner Dienstleistung fähig, wurde sie bis zu ihrem Tode gewartetund gepflegt und sodann auf Engelberts Kosten beerdigt.

Die Handlungsweise Jda's in Bezug auf die Erziehung derStiefbrüder wäre als eine höchst unüberlegte zu erachten, wenn ihrnicht die Entschuldigung zur Seite stände, daß sie hierdurch ein Ge-lübde erfüllte, welches sie ihrem Vater gegeben hatte. Hinsichtlichder Aufnahme ihrer alten Amme Barbe und in Anbetracht ihrer un-überwindlichen Neigung, Wohlthaten zu spenden, die sie allerdings-