Druckschrift 
3 (1907)
Entstehung
Seite
123
Einzelbild herunterladen
 

123

das unerfahrenste Frauenzimmer für einen freien Ausdruck. Ihr Körper war weiblich, schwachund zart; auch ihre Seele war weiblich, aber sie dachte auch wie ein Mann, groß, edel und waroft heldenmüthig. Ohne pikant witzig zu sein, konnte sie aufmuntern, anderer Mienen aufheitern,wie sie wollte und war sehr unterhaltend. Sie redete viel ohne Weibergeschwätz. Ihre Kinderwaren ihr vornehmstes Geschäft; für diese sorgte sie unaufhörlich; sie hatte sie immer um sich undbildete ihre jungen Seelen, ohne daß die Kinder es selbst wußten, ohne Strenge, ohne Furcht, durchlauter Liebe und Zärtlichkeit; doch gestattete sie ihnen auch keine Unart. ... Sie war jedermannwenigstens unter dein Namen „die Frau mit den vielen schönen Kindern" bekannt, von denGeringen verehrt, denn gegen jedermann war sie freundlich und gefällig, jedermann war ihrNächster; ohne Rcichthum that sie viel Gutes, entweder durch reellen Beystand. oder guten Rath,durch Zureden, trösten und aufmuntern, alles mit einem Anstände, der zugleich ihr gutes herzund ihren verstand verrieth; ich meine ihre Wohlthaten ertheilte sie mit einer solchenLeichtigkeit, woraus man sah, daß eine wahre innere Empfindung sie dazu vcranlaßte, unddoch mit einer Art, welche den Wohlthaten noch einen Werth mehr beilegte; gar vieles thatsie heimlich, denn ihr Mann, zwar rechtschaffen und gut. und selbst gutthätig, machte gern ökono-mische Anmerkungen . . . ."

Nach diesen Mittheilungen läßt sich annehmen, daß des Amtmanns Gattin die wohlgearteteTochter ihrer nur drei Zahre ihr voraufgegangenen Mutter gewesen, derer hier um so mehr gedachtwerden muß. als dieselbe offenbar in ihren letzten Lebenstagen sverwitwet) eine treue Stütze des aus-gedehnten Buff'schen Hausstandes gewesen. Letzteres besagt folgender Brief, der auf Folioschreibpapicrgeschrieben, zusammengefaltet und gesiegelt ohne Briefhülse versandt, auf der vierten Seite des Bogens dieAusschrist trägt:

7V NonsieurlVlonsieur LuTAmtmann cie I'Orclre Teutonchue ")

ä Weilar,

Dieser Brief ist verfaßt von des Amtmanns ältestem Halbbruder") und lautet:

„Herzlieber Bruder!

Zch nehme billig allen Antheil an dem Trauerfall, da die nunmehro in Gott ruhende FrauMajorin Feilerin, als des lieben Bruders liebgewesene Frau Schwieger-Muttcr, von dem Herrnüber Leben und Todt von dieser Welt abgefordert worden. Zch kann mir leicht vorstellen, daß dasEnde des abgewichenen Zahres dem lieben Bruder und dessen Frau Ehe-Liebsten um so rührendergewesen, da eine große Stüze der Kinderzucht dahin gefallen. Der gnädige Gott wolle in diesemund vielen folgenden Zahren den lieben Bruder, dessen Frau Liebste und liebe Kinder und an diesendie Erziehung mit dein besten Wohlergehen segnen, und Stamm und Aeste in dem schönstenFlor erhalten!

Die liebe Kinder haben auch die 3te Mutter verlohren. Wir geniesen dermalen Gott Lob!einer guten Gesundheit.

Ich beharre unter herzl. Lalutaticm

Des lieben Bruders Treuergeb. Bruder

jl. <S, Lull)

^uecllborv, cl. 2t. jan: 1768.

vsrtatur.

Ein beredtes Zzcugnis der Zeit!

Ich. Gg. Buff. geb. 10. Zanuar 1716, f 9. August 1773, damals Geistlicher zu (IZueckborn, später 1768bis 1773 llletropolitau zu Gladenbach, Reg.-Bez. Wiesbaden (s.: Lggers „Die Busf," paZ. 7 und 23).