nachdem er vom Urlaub zurückgekehrt war. Nach seinen Redensarten hatte ihm das Leichenbegängnis desKameraden großen Eindruck gemacht. Auch ließ die eigentümliche Lage des Todten die Vermutung zu, alshabe er mal probieren wollen. Und um meine Erlebnisse auf diesem Gebiete noch zu vermehren, erschoßsich wieder nach einiger Zeit ein guter Mann der Kompagnie ohne erkennbaren Grund, nachdem er mitÜberlegung und einein gewissen Ordnungssinn alles persönliche arrangiert und seine Vorbereitungengetroffen hatte, früh morgens vor dem Dienst auf einein Holzfloß im Burggraben. Ich hatte also dieManie in der Kompagnie und der erste Fall hatte ansteckend gewirkt. War ich bei Nr. 2 noch mit-gegangen zum Kirchhof, ohne zu sprechen, so ließ ich nun Nr. 3 durch den Unteroffizier vom Dienst undacht Mann herausschaffen und still begraben. Das half. Die Sache verlor an Interesse und gottlobhabe ich in dieser Hinsicht nichts wieder erlebt. Selbstmorde in der Truppe sind für die militärischenvorgesetzten sehr unangenehm. Die Untersuchungen, ob falsche Behandlung vorliegt, sind sehr peinlichaber notwendig. Meine Offiziere, meine Unteroffiziere und ich gingen aus den Untersuchungen hervorohne jeden Vorwurf. Trotzdem konnte ich auf mich das Wort Schillers anwenden: Da tritt kein andererfür ihn ein, auf sich selber steht er da ganz allein. Mein Bataillonskommandeur hatte beispielsweisederartig den Kopf verloren, daß er positiv glaubte, diese Vorfälle würden ihm sehr schaden. Er machtenur in Klagen und Vorwürfen das Leben so sauer, daß ich ihm unter vier Augen sagte: Er möge sichberuhigen, erst käme ich und ich wüßte, was ich zu verantworten hätte und verantworten könnte. EineEpidemie (Influenza mit Lungenentzündung) entriß mir in acht Tagen acht Mann der Kompagnie, gute,prächtige Leute. Es war zum Erbarmen. Alle versicherten nur in ihren Fieberphantasien, sie wären nunbald gesund, wenn sie zwei Stunden vor ihrem Ende standen. Ob der unglückliche Arzt, der selbst spätereinem schrecklichen Leiden erlag, schon damals nicht Herr der Situation war und falsche Maßregeln ergriff,wer vermag das zu entscheiden. Es ruhen die Genannten und ein Pole, der an der Schwindsucht verstarb,auf dem schönen Militärkirchhof in Stade bis auf einen, den wir in der Nähe von Stade auf eigenemGrund und Boden zur ewigen Ruhe brachten, bei Sternberg auf der Flur, wo sein altes BaucrngeschlechtsKlövkorn) schon seit Jahrhunderten haust. Ich habe das frühzeitige Ende dieser Leute, die alle zu denbesten Hoffnungen berechtigten, stets beklagt. Ein Verlust von zwölf Mann in acht Iahren ist viel füreine Kompagnie.
Am 13. April 1891 verlor ich durch den Tod meinen besten Freund, den Major Dyckhoff,aggregiert dem Infanterieregiment Nr. 144 und Adjutant der 16. Division in Trier. Nur eine Lungen-entzündung von drei Tagen raffte den kräftigen Mann im Beginn einer aussichtsreichen Karriere undin der Blüte der Jahre dahin. Wir waren zusammen eingetreten beim 17. Infanterieregiment, hattendort in den verschiedenen Garnisonen des Elsaß uns eng aneinander geschlossen, gute und schlechte Tagemiteinander geteilt. Als verschiedene Kommandos uns trennten, blieben wir im regsten Briefwechsel undsuchten uns regelmäßig auf abwechselnd, wo die Zeit und die Garnisonen dieses erlaubten. Dyckhoff warbei nur in Hannover und Bremen, ich mehrfach in Halle, wo er als Kompagnie-Thef stand Es war fürmich ein unersetzbarer Verlust. Jetzt, nachdem Jahre vergangen sind, steht immer noch das Bild desausgezeichneten, treuen Mannes lebhast vor nur, oft führt mich die Erinnerung zurück in die gemeinsamverlebten Jahre und die Zunahme der Lebensjahre läßt es mich deutlich erkennen, daß wahre Freundschaftselten und die durch den Tod gelösten Bande unwiederbringlich verloren, sich nicht an anderen Stellen mitanderen ersetzen lassen. Es fehlt die Zuneigung der Jugend, es fehlen gemeinsame Erinnerungen, diegemeinsam durchlebte lange Zeit. Ich hatt' einen Kameraden, einen bessern gab es nicht. Wie schautich gern sein kluges, sein treues Angesicht. In all den langen Iahren, wie reich hat sich entrollt seinklares, edles Denken, sein Herz von echtem Gold!
Nachdem wir am 27. September 1891 in Bremen, am 7. Februar 1892 in Stade das Regiments-Iubiläum begangen hatten, ferner die Freude erlebten, am 30, Dezember 1891 in Bremen die Hochzeitmeines Bruders Ernst mit meiner Schwägerin Marie Adami, die sich in unserm Hause in Stade kennengelernt hatten, feiern zu können, kamen recht trübe Jahre durch das Leiden und das geschäftliche Miß-