Druckschrift 
3 (1907)
Entstehung
Seite
47
Einzelbild herunterladen
 

47

Allen ist unvergeßlich der Todestag des hochseligen Kaisers Wilhelm, 9. Marz, dann der Tag der Ver-eidigung bei 10 Grad Kälte und meterhohem Schnee.

Das kleine Stades war gewiß ein recht abgelegenes, verlassenes Nest gewesen, als es noch keineEisenbahn hatte, nnd doch habe ich viele alte hannoversche Offiziere gekannt, unter ihnen den GeneralRudolf Eggers, die in der bekannten hannoverschen Festung und Garnison höchst angenehme Jahre ver-lebt hatten. Damals war allerdings die Scheidung zwischen der Stadt und dem zu meiner Zeit starkwelfischcn Kehdingen noch nicht gewesen. Ich habe wenig um diese Scheidung mich gekümmert, warauch als geborener Hannoveraner von bekannter Familie meinen am Alten hängenden Landsleuten nichtso unangenehm, als die wirklichen Preußen. Leider, setze ich hinzu, waren die Verhältnisse so. Kleinepreußischen Kameraden waren tadellose Leute und die Herren von so und so in Kehdingen usw. auch.Leider hatten übereifrige Verwaltungsbeamte manches Unheil angerichtet, statt daß sie alt- Anhänglichkeitachten und kleine Schwächen und Äußerlichkeiten hätten übersehen sollen. Der Bau der Eisenbahn hatteStade und sein Hinterland erschlossen. Die alten Festungswerke waren gefallen. Ans ihrem Terrainwaren sehr hübsche Villen erbaut, breite schöne Straßen angelegt, so daß sich der freundliche Ort, mitseiner langen und wechselvollen Vergangenheit, mit seinen alten, aus der Schwcdenzeit noch stammendenKasernen, sehr hübsch präsentierte. Auf dem neuen Terrain gewann ich gleich die Aussicht auf eineschöne, zusagende Wohnung, leider erst zum herbst. So mußte ich Frau und Kind noch in Harburglassen, doch verging ihnen der Sommer mit Reisen und Besuchen und nach dem Klanöver zogen wir um.Die Trennung von der Familie war für mich nun erst recht Veranlassung gewesen, mich in den Dienstzu stürzen und meine Kompagnie und ihre Führung mit Eifer zu übernehmen. Reich an Arbeit sind dieJahre gewesen, das bemerke ich gleich von vornherein. Des Dienstes gleich gestellte Ahr hält den Kom-pagnie-Ehef im Gleise und gibt ihn: Arbeit die hülle und die Fülle. Ist er doch bei der großen Selbst-ständigkeit fdas soll er wenigstens sein und waren wir in Stade, Gott sei Dank), bei der diskretionärenGewalt eben für alles verantwortlich, für Leistungen, Führung, Kleidung, Gesundheit und noch tausendandere Dinge, die das RIenschenleben angenehm oder unangenehm machen. Nun habe ich in den8'/s Iahren als Kompagnie-Thef folgende Sammlung von vorgesetzten gehabt: 5 Bataillons-KommandeuresWerthern, Kehlcr, Blocdau, Stern und Dassel), 4 Regiments-Kommandeure fLancken, Brodowski, Garnier,Stedman), 5 Brigade-Kommandcure fRosen, Wodtke, Heinrichs, Fragstein von Riemsdorfs, Oesterreich),4 Divisions-Kommandeure fBronsart von Schellendorff, Derenthall, Graf Finckenstein, Petersdorff),3 kommandierende Generale fTresckow, Leszczynski, Graf von Waldersee). Unter einer so großen Zahlvon vorgesetzten waren natürlich kleine und große und ihre Ansichten über Dienst und Ausbildung warenauch sehr verschieden, aber das muß ich offen sagen an dieser Stelle, es ist wohl bestellt um unsere schöneArmee, denn alle diese Klänncr waren tätig, ehrenwert, ihrem Kaiser, ihrem Beruf ergeben und erfülltvon dem Bewußtsein hoher Verantwortung, erfüllt vom redlichsten Streben, ihre Pflicht und mehr zu tungegen ihren Kriegsherrn und das Vaterland. Nnd wer so herrliche Klänner unter seinen vorgesetztengehabt hat wie einen Garnier und einen Grafen Finckcnstein und weit voran den besten und größesten,einen Grafen Walderseeph dem wird diese Zeit mit diesen vorgesetzten unvergeßlich schön bleiben. Eswar nicht allein der vornehme Ton, der in dem 9. Korps und der 17. Division herrschte, das redlicheStreben, Gutes, Bestes zu leisten, es war auch die kameradschaftlich liebenswürdige Art, wie die genanntenHerren im Kreise ihrer Offiziere sich bewegten, frei ungezwungen, echt vornehme Oranel-SeiZneurs, diedas Wort „je vornehmer, desto liebenswürdiger" zur vollen Geltung brachten. Sie kannten ihreOffiziere und deren Verhältnisse persönlich. Doch nun zur Sache selbst. Klein Vorgänger, der Klajorvon Ludwiger, hatte nur eine ausgezeichnete Kompagnie übergeben, nur das Nnteroffizierkorps war anZahl schwach und etwas verbraucht, eine Erscheinung, die man oft finden wird, wenn eine Kompagnie

Bahrfeldt, Geschichte der Stadt Stade. 1397.

°2) Alfred Graf von Waldersee, der bekannte Gcncral.Fcldmarschall. Im Archiv befinden sich Briefe und Post-karten von ihm auch aus der Zeit in Lhina an mich.