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1 (1888) [Hauptbd.]
Entstehung
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Die Entstehung der Burgen Gleichen, sowie ihre älteste Geschichte ist in Dunkelgehüllt, das ältere Geschichtsforscher vergebens zu verscheuchen versuchten. Mehrerederselben haben ihren Ursprung in die Mitte des fünften Jahrhunderts gesetzt, wieSagittarius,') der aus alten Chroniken zu erzählen weiss, dass Ernestus, ein edler Römer(derselbe, der nach Heydenreich, Gesch. der Grafen und Fürsten von Schwarzburg S. 17,der Stammvater auch dieses Geschlechts gewesen sein soll), mit seinem Bruder imJahre 455 n. Chr. nach Sachsen gekommen sei und bei Göttingen zwei Schlösser aufzwei Bergen gebaut habe, die sie wegen ihrer gleichen Höhe dieGleichen" genanntund die später von den danach benannten Grafen von Gleichen bewohnt worden wären,oder der Chronist Zeiler, 2 ) der die Erbauung der Burgen um das Jahr 720 setzt, undihre Bewohner, die Herren von Rostorf, nach ihnen Herren von Gleichen genanntwerden lässt.

Am verbreitetsten, doch nicht minder unbegründet und unhaltbar, ist die vondem Chronisten Letzner 3 ) zuerst erfundene und von da in die Chroniken der Uslar'schenFamilie und in andere Werke 4 ) übergegangene Fabel, wonach die Grafen von Gleichenim 11. und 12. Jahrhundert die sächsischen Gleichen besassen, von welchen die GrafenLambrecht und Ernst im Jahre 1208 auf Befehl des Königs Otto IV., weil sie sowohlim Braunschweigischen wie auf dem Eichsfelde viele Räubereien verübt, sich auch zudessen Gegenkönig Philipp gehalten, durch die umwohnenden Städter und das Landvolkvertrieben, sich nach Thüringen gewandt und dort bei Mühlberg ein neues SchlossGleichen erbaut haben sollen. König Otto so heisst es weiter habe dann einigeJahre später die beiden zerstörten sächsischen Schlösser mit allen Zubehörungen seinemverdienten Ober-Berghauptmann des Harzes und Kriegsrathe, Ritter Heinrich von Uslar,für dessen treue Kriegsdienste überwiesen, und der neue Besitzer habe, um gegen alleAnsprüche von Seiten der Vertriebenen sicher zu sein, am Tage Cypriani (Septbr. 26) 1211auf dem Petersberge zu Erfurt sich durch Erlegung einer ansehnlichen Summe Geldesderart mit ihnen abgefunden, dass Heinrich die Schlösser als freies Erbe besitzen undkeinen Höheren über sich, als Gott und den Kaiser erkennen solle.

Schon der bekannte eichsfeldische Schriftsteller, Canonicus Wolf 5 ), hat nach-gewiesen, dass die Grafen von Gleichen niemals unsere Gleichen besassen. Denn hättensie im 11. und 12. Jahrhundert darauf gewohnt, so würden sie sich nach dem da-maligen allgemeinen Gebrauche in Deutschland auch sicher danach geschrieben haben.Allein sie erscheinen in Urkunden von 1095 bis 1162 entweder bloss mit ihren Vor-namen, oder unter dem Namen ihres Stammschlosses im Gothaischen, nach welchemsie sich Grafen de Tunna oder Tonna, auch Tonnaha nannten. 6 ) Erst Erwin II. schriebsich in einer Urkunde vom Jahre 1162comes de Glychen", 7 ) und zwar nicht nachden sächsischen Gleichen, sondern nach dem gleichnamigen in Thüringen gelegenenSchlosse, das keineswegs erst im Anfange des 13. Jahrhunderts erbaut wurde, vielmehrurkundlich schon weit früher bekannt ist. Ursprünglich zu den Besitzungen der Grafenvon Ballenstedt-Orlamünde gehörend, kam es im Jahre 1067, als Graf Otto von Orla-münde ohne männliche Erben starb, an eine seiner Töchter und dann weiter durch Ver-erbung an den Pfalzgrafen Wilhelm bei Rhein, den wir im Anfange des 12. Jahrhundertsim Besitze des Schlosses finden. 8 ) In seinem Todesjahre (1140) schenkte der kinderlose

') Gesch. der Grafschaft Gleichen, S. 3. 2 ) Topographie von Deutschland etc. S. 02; auch

Merian, Topographie der vornehmsten Schlösser etc. im Hzgth. Braunschweig, S. 92; Melissantes, Berg-

schlösser, 1. Aufl. I, S. 148 u. a. O. 3 ) In dessen Chron. Hildes., Mscpt., lib. IV, Cap. 109. JohannLetzner, geb. 29. Novbr. 1531, gest. 19. Febr. 1613, zuletzt (von 1589 bis zu seiner Emeritirung im J. 1610)Prediger in Iber im Fürstenth. Grubenhagen, ein bekannter Vielschreiber, dessen kritiklose Geschichts-forschung für die ältere Zeit von Fabeleien und Missverständnissen wimmelt, für das Ende des 15. undfür das 16. Jahrhunderl aber Beachtung verdient. Näheres über ihn: Zeitschr. des hist. V. f. Nieders,1863, S. 347 u. f., S. 364; Annalen der Braunschw.-Lüneb. Churlande, 4. Jahrg., 2. Stück, S. 500.

4 ) M. Christoph Specht, Stammbuch u. Geschl.-Register der v. Ufslar, Cap. VI; Theod, v. Steinmetzen.Ursprung u. Fortgang der Herren v. Ufslar, S. 13; Joh. Jakob Praetorius. Ursprung u. Fortgang der

Herren v. Ufslar, S. G.; Heineccius, Antiq. Goslar. S. 360; Heise, Antiq. Kerstling., S. 233; Rivander,Thüring. Chronik, S 28 u. a. O. ä ) Polit. Gesch. des Eichsfeldes, I, S. 151 u. f.; Vgl. auch Wenck,hess. Landesgesch., IL, 2, S. 696, Note z. 6 ) Zeitschr. des Vereins f. thüring. Gesch. u. Alterthums-kunde, VIII, S. 261. ') Mittheilungen des Vereins f. die Gesch. u. Alterlhümer von Erfurt, V., S. 140. s ) Daselbst IX (1880), S. 195; AVolf, polit. Gesch. des Eichsf., I. S. 145. Die Annahme, dass Markgraf

Eckbert II. von Meissen, weil er am 24. Decbr. 1088 (nicht 1089, wie gewöhnlich angegeben wird), dievom Kaiser Heinrich IV. belagerte Burg Gleichen in Thüringen entsetzte (Erhard, Reg. hist. AVestfaliae,

I, S. 205; Wedekind, Noten zu einigen Geschichtschreibern, II, S. 134; Böttger, Brunonen, S. 650), auch

Besitzer der Burg gewesen, wird durch keine historisch sichere Nachricht beglaubigt.