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Gegenwart dieselbe Rolle wie die früheren Eheschließungsver-bote. Aber ungleich diesen ist sie in hohem Grade elastisch undtendiert dahin, ununterbrochen an Stärke zuzunehmen. Denn dieVorstellung der Menschen von ihren Bedürfnissen wächst unab-lässig und kann bis ins Unendliche wachsen. Schließlich trittin der vermehrten Selbständigkeit der Frauen ein neuesHindernis moralischer Art auf, dessen Einwirkung auf die Fort-pflanzung keine geringere ist als der Wunsch, ein gesichertesAuskommen zu haben. Diese Tendenz gehört ja doch mehr derZukunft an, weshalb wir sie hier übergehen, um später wiederdarauf zurückzukommen. Es möge genügen, als Resultat derEntwickelung auf dem Punkte, wo wir uns jetzt befinden, her-vorzuheben, daß die Nativität, aber vorläufig auch die Sterblich-keit allgemein sinken, weshalb die Volksvermehrung, obwohl nocheine große, doch eine abnehmende ist. —
So einfach und klar diese Entwickelung im großen betrachtetzu sein scheint, so ist es doch nicht leicht, ihr in ihren Einzel-heiten zu folgen; denn sie wird teils durch die historischen Er-eignisse, teils durch den verschiedenen Kulturstandpunkt sowiedie ungleiche ökonomische Organisation und Natur der Völkerauf mannigfache Weise durchkreuzt und modifiziert. In erstererBeziehung mögen besonders die französische Revolution und dienapoleonischen Kriege zu Anfang des 19. Jahrhunderts, fernerdie inneren Erschütterungen um 1848 sowie die Gründung desDeutschen Reiches 1870, schließlich der periodische Wechsel desökonomischen Lebens zwischen Flut und starker Ebbe hervor-gehoben werden —- alles Vorgänge, die diese Entwickelung baldgehemmt, bald beschleunigt haben. Das größte Hindernis füreine einheitliche Auffassung derselben besteht jedoch darin, daßsie sich bei den verschiedenen Völkern in verschiedenen Phasenbefindet, bei einigen (den osteuropäischen) in ihrem Anfange, beianderen (den westeuropäischen) in ihrer Mitte oder nahe demEnde. Endlich legt auch die kurze Zeit, seit welcher die Be-völkerungsbewegung einer statistischen Beobachtung unterworfenist, bis auf weiteres einer klaren Auffassung derselben Hinder-nisse in den Weg. Betreffs der meisten Völker datiert eine etwaszuverlässigere Kenntnis erst von der Zeit 1841—50 her, die nochdazu eine Depressionszeit war und sich wenig als Ausgangspunktfür Vergleiche eignet. Für Osteuropa läßt diese Statistik sogarbis 1860 auf sich warten.
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