vollständig falsch, während die beiden ersteren einen Grad vonWahrheit enthalten, der gleichwohl nicht hinreichend ist, dasGesetz umzustürzen. Dagegen sagt die zuletzt ausgesprocheneAnsicht, welche die Gültigkeit des Gesetzes auf die niedrigerenKulturstufen beschränkt, in diesem Falle das Richtige. Sie brauchtnur etwas anders formuliert sowie erklärt und begründet zu werden.
Ganz allgemein kann dieses schon geschehen, wenn mansich die eigene Auffassung und die eigenen Worte von Malthuszur Richtschnur nimmt. Seine Lehre enthält nämlich in der ihroben gegebenen Fassung ein „Wenn", das die drohenden Bilder,die er malt, umkehren kann. Das Gesetz gilt mit all seiner Notund' all seinem Elend — für den Fall, daß die Menschen ihreVernunft oder überhaupt ihre freie Überlegung nicht gebrauchen.Malthus glaubt offenbar selbst nicht viel an dieses „Wenn".Deshalb sieht er in seinem Gesetz überwiegend ein blindes Natur-gesetz, ganz wie es dies bei den Tieren ist. Dieses ist der großeIrrtum von Malthus und des Malthusianismus, und dies isteigentlich der Grund der meisten Meinungsverschiedenheiten be-treffs dieser Lehre. Der Mensch ist nicht wie die Tiere. DerNaturtrieb der Fortpflanzung, der diese allein beherrscht, ist beimMenschen einer Mannigfaltigkeit von Einflüssen unterworfen,welche den Trieb faktisch binden, denn der Mensch ist vorallem ein mit Vernunft und Überlegung begabtes Wesen, dasdie Natur, seine eigene einbegriffen, ebenso gut beherrscht,wie er ihr gehorcht. Darum paßt er, indem er seinen Verstandzu Hilfe zieht, sobald er den eigentlichen Naturzustand über-wunden hat und wofern nicht religiöse oder andere Vorstellungen(von ungebundener Freiheit) hindernd in den Weg treten, seineVermehrung ganz wohl an den Spielraum der Ernährung an.Auf niedrigeren Kulturstufen geschieht diese Anpassung freilichnicht individuell, sondern nur kollektiv durch Sitten und Gesetze,auf höheren auch durch jede Person und Familie für sich. Daßtrotzdem bei gewissen Völkern und zu gewissen Zeiten oderEntwickelungsperioden Fälle wirklicher Übervölkerung vorge-kommen sind und noch vorkommen, läßt sich nicht bestreiten,dies sind aber Ausnahmen und nicht die Regel. Dies, sowiedie Verhältnisse, unter welchen das eine und das andere ein-trifft, hat die historische und statistische Forschung des näherenzu beweisen. Den Resultaten derselben vorgreifend, will ich in-dessen schon jetzt das Endurteil über das berühmte Gesetz von
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