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Eberstcin befand sich diesen ungesetzlichen Forderungen gegenüber in einer sehr unangenehmenLage. Schon trieben sich in der Harzgegend große Schaaren sächsischer Rcvertenten umher,welche, aus Abneigung gegen den Dienst bei den Franzosen, nichts von dem Sammlungs-werke wissen wollten und entweder eine Art Räuberleben fortsetzten, oder sich für denbraunschwcigischen Dienst gewinnen ließen. Der Herzog von Braunschweig hatte aussolchen Leuten bereits ein vollständiges Bataillon formieren lassen, dem später noch einzweites, auch zur Hälfte aus sächsischen Landeskindcrn bestehendes Bataillon hinzugefügtwurde, und es ist schon wiederholt erwähnt worden, daß die Revertenten das Heer desHerzogs Ferdinand Nie recht eigentlich als ein feindliches betrachten wollten, obgleich esgerade dem Hauptteil des sächsischen gegenüberstand.
Nach mehrtägigem Hin - und Herverhandeln, während welches Carlsburg mit seinemDctachement den Marsch zur Armee fortgesetzt hatte, sah sich endlich der Major von Ebcr-stein genöthigt, den renitenten Leuten, „weil außerdem zu befürchten war, daß sie sämt-lich zum Feinde übergehen oder im Lande herumstreifen und die größten Desordrcs ver-üben möchten," das schriftliche Versprechen zu geben, daß sie im Lande verbleiben sollten,worauf den 20. April, auf ausdrücklichen Wunsch der Meuterer, der Hauptmann von Edel-stein nach Orlamündc geschickt wurde, welcher sie daselbst in Empfang nahm und einquar-tierte. Am folgenden Tage traf er mit 103 Mann in militärischer Ordnung vor seinesBruders Quartier in Neustadt a d. O. ein. Zwanzig Mann hatten sich gleich von Hausaus von den übrigen abgetrennt und waren beim Salomon'schen Freibataillon eingetreten.Der Grenadier Böttger, ein gelernter Jäger aus Kranau bei Zeitz, scheint, von seinerKörpergröße unterstützt, — der 26jährige Mann maß 80 Zoll — einen bedeutenden Ein-fluß auf seine Kameraden ausgeübt zu haben, wenn diese auch behaupteten, nicht sieseien von ihm beredet, sondern er vielmehr mit Gewalt zu ihrer Anführung genöthigtworden.
Eberstein zog in der Folge von der Autorität, welche Böttger auf die übrigen aus-übte, Gewinn, indem er denselben zum Unterofficier ernannte und für sein Interesse zugewinnen verstand; denn trotz des erteilten Versprechens hatte Eberstein noch keineswegsdie Hoffnung aufgegeben, die° Leute durch „einzelnes pcrsuadieren" zu teilen und sie imGuten dahin zu bringen, in ihre Abscnduug zur Armee einzuwilligen. In der That warso, wie die Sachen jetzt lagen, durch die den Leuten gemachten Zugeständnisse dem ganzen Samm-lungswerke ein bedeutender Nachteil zugefügt worden. Man war nicht bloß in der größtenVerlegenheit, was man mit dem Dctachement im Lande eigentlich beginnen und wie mandasselbe auf die Dauer erhalten solle, das Beispiel der glücklich durchgeführten Weigerung,zu dem unbeliebten Korps im französischen Solde abzugehen, mußte natürlich auch aus allein der Folge noch zu erwartenden Überläufer einen bösen Einfluß üben. Wirklich kamenauch schon wenige Wochen nach der Meuterei 5 Deserteure von der preußischen Besatzungvon Wittenberg an, welche sich als eine Art von Deputation der bei derselben befindlichensächsischen Landeskinder einführten, die nach ihrer Angabe jener 1000 Mann starkenTruppe ausmachten, um namens derselben die Zusage zu erteilen, daß sie aus der Festungausbrechen und vereint zu Eberstein sich durchschlagen würden, wenn man ihnen bestimmtversprechen werde, „daß sie nicht zu den Franzosen abgeschickt werden sollten, sondern Er-laubnis erhielten, im Lande zu dienen." Ähnliche Ancrbietungen machte unter derselbenBedingung ein gewisser Dämme, welcher als Grenadier von der Leib-Grenadier-Garde schon1745 bei Kesselsdorf in preußische Gefangenschaft gerathen war. Dieser, ein durchtriebenesSubjekt, kam auch wirklich im Juni mit 40 Mann des verschiedensten Alters bei Ebersteinan, welcher inzwischen sein Quartier nach Tautenburg verlegt hatte; nur etwa der vierteTeil des Zuwachses war im Pirnaer Lager gefangen worden. Der älteste Mann war einSergeant von Kospoth, welcher, jetzt bereits 43 Jahre alt, 1734 von einem Kavallerieregi-ments verabschiedet worden war. Die Zahl der sich bei Eberstein anmeldenden Leute wuchsfast täglich; Dämme brachte von einem Ausfliege auf einmal wieder 17 Mann zurück,welche 10 gefangene Preußen mit ablieferten. Das Wittenberger Geschäft schob sich, daEberstein sich dieserhalb in eine breitspurige Korrespondenz mit dem Prinzen Xaver unddem Kommandanten der Reichsarmcc, Herzog von Zweibrücken, einließ, so lange hinaus,bis die Preußen von der Sache Wind bekamen und die Besatzung plötzlich wechselten.
In Tautenburg hatte Eberstein die bei Saalfeld widersetzlich gewesenen Leute, 158 ander Zahl, durch einen Amtsaktuar auf's neue verpflichten lassen; er hatte bei dieser Feier-lichkeit selbst eine sehr ernste Ansprache gehalten, deren vollen Inhalt er in seinem Berichtemitteilt. Die Rede war den Umständen gut angepaßt und nicht ohne einen gewissenSchwung, wenn auch deren allzugroße Länge der erwarteten Wirkung wohl einigen Ein-trag gcthan haben mag.
Das „Persuadieren" scheint mittlerweile mit Erfolg betrieben worden zu sein, denn seitCarlsbnrg's Abmarsch sind wiederholte Transporte von Leuten, einer im Juni von49 Mann, zum französischen Korps abgegangen.
Inzwischen ist anfangs Juli Naumburg von der Reichsarmee geräumt worden, undEberstein hat sein Quartier nach Zeitz verlegen müssen. Die laut des Bestandsrapportes