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Folge 4 (1883)
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die jüngste Vergangenheit der Franzose auf den Deutschen herabzublicken gewohnt war,begegnete das französische Heer den Heimathlosen Sachsen, deren Blut sie mit ihrem Geldeviel'zu theucr zu bezahlen wähnten, und ihre höfische, in Ausschweifungen aller Art ver-weichlichte Aristokratie glaubte sich in vollem Rechte, den Bruder ihrer Dauphine, dem jabekanntlich die Etiqnette des Versailler Hofes als dem Sohne eines bloßen Wahlköniasden Platz an der Galatafel Ludwigs des XV. verweigerte und an die Marschallstaselverwies, als ihres Gleichen zu behandeln.

Es können die Fehler, welche Prinz Xaver beging, der ja alle Eigenschaften eines bravenritterlichen Soldaten, aber nicht die eines Feldherrn besaß, hier nicht abgeleugnet werden;wenn ihm aber Sachsen nicht schon für seine spatere S jährige segensreiche Verwaltungwährend der Minderjährigkeit des Königs Friedrich August des Gerechten tief verschuldetwäre, so würde ihm die Beharrlichkeit, mit der er auf seinem Posten, der ihm in keinemdenkbaren Falle Lorbeeren einbringen konnte, dafür aber seinem nicht geringen Stolzefast täglich Opfer auferlegte, ausharrte und dadurch und durch die Vermittelung seineredlen Schwester der Dauphine, die Lage des sächsischen Hülsstorps noch immer möglichst er-träglich gestaltete, auch allein ein Recht auf die Dankbarkeit Sachsens sichern.

Bei alledem war es zu beklagen, daß Prinz Xaver, trotz des Zaubers, den sonst diepersönliche Tapferkeit eines höheren Führers auf die große Masse im Heere auszuübenpflegt, doch bei dem gemeinen Manne keine Sympathien zu gewinnen verstand Das Un-deutsche seines ganzen Wesens der mündliche und schriftliche Verkehr mit seiner Um-gebung geschah blos in französischer Sprache, eine gewisse cynische Menschcnverachtung,die zuweUcn an Friedrich II. erinnerte, eine schroffe Kälte gegen alle, die nicht zu seinenkeineswegs immer besonders achtungswcrthen Vertrauten gehörten, entfremdete ihm dieHerzen der Mehrzahl der Officiere und der gesamten Mannschaft. Er vermochte dieLeute, die mit Gefahr ihres Lebens den ihnen aufgedrungenen fremden Dienst verlassenhatten, um zu den Fahnen ihres angestammten Landesherrn in jener alten deutschenManncntreue zurückzukehren, die sich damals in dem Herzen des gemeinen Soldaten nochso rührend kundgab, nicht zu überzeugen, daß sie im Dienste Frankreichs für ihren Kriegs-herrn und ihr Vaterland kämpften. Rur mit innerem Widerstreben folgten sie der Führungeines Prinzen ihres Königshauses auf einem Kriegsschauplätze, wo ihnen zur Seite einübcrmüthiger, zügelloser Verbündeter, ihnen gegenüber aber unter dem Befehle des Herzogsvon Braunschweig neben den englischen Truppen wohldisciplinicrtc, tapfere deutsche Lands-leutc standen, während aus der fernen Heimath, in der ein großer Teil der MannschaftWeib und Kinder zurückgelassen hatte, nur die Kunde von deren Hülflosen Lage, von feind-lichen Erpressungen und herzerschütternder Roth zu ihnen gelangte.

Man muß sich diese Verhältnisse vergegenwärtigen, um zu begreifen, daß das Korpsdes Prinzen Xaver, objchon es fast ausschließlich aus Rcvcrtenten und freiwillig in denDienst getretenen sächsischen Landeskindern bestand, trotz dieser fast idealen Zusammensetzung,keineswegs ein Musterbild der Disciplin darbot. Es wurde hier der alte Erfahrungssatzbestätigt , daß Menschen in der Masse nie schwieriger zu leiten und leichter zu Ausschrei-tungen geneigt sind, als wenn sie durch besondere Leistungen Ansprüche auf besondereRücksichten erworben zu haben glauben. Die Leute hielten sich für berechtigt, die Fahnen,zu denen sie aus eigenem Antriebe und mit Verachtung jeder Gefahr zurückgekehrt waren,auch unter Ilmständen wieder verlassen zu können, wcnsi das Verlangen nach der geliebtenHeimath in der Fremde gar zu stark wurde, oder wenn sie Grund zu irgend welcher Un-zufriedenheit zu haben vermeinten. Die Desertion nahm in einem kaum glaublichen Um-fange überhand; die Leute, wenn sie heute ihren Heimathsort erreicht hatten, sielen oftmorgen schon wieder den Preußen in die Hände, wurden mit schweren, grausamen Strafenbelegt, desertierten abermals und fanden bei den Österreichern oder Reichstruppcn Aufnahme,oder meldeten sich wieder bei einem sächsischen Sammlungsdepot, von dem sie in der RegelVerzeihung zugesichert erhielten und mit dem nächsten Transport zur Armee geschicktwurden, um hier vielleicht nach einiger Zeit denselben Kreislauf wieder von neuem zu be-ginnen. Mit Strafen war dagegen beim Korps wenig auszurichten; nur wenn, wie seltengeschah, ein Mann direkt zum Feinde überlief, wurde die Todesstrafe in Anwendung ge-bracht; sonst aber kam es vor, daß Leute fünf- oder sechsmal in's Land gingen und ebenso oft freiwillig wieder zurückkehrten.

Auch die Kriegführung der Sachsen mit ihren Bundesgenossen, den Franzosen, warbisher nicht vom Glück begleitet gewesen, wenn ihre beiden ersten gemeinsamen Gefechtebei Lutternberg am 1l). Oktober 1758 und bei Bergen am 13. April 1759 auch einengünstigen Verlauf genommen hatten. Aber die schwere Niederlage, die sie am 1. August 1759bei Minden erlitten, machte die errungenen Vorteile wieder völlig zu nichte und wirkte umso niederschlagender auf die Sachsen, welche hier mit großer Tapferkeit gekämpft hatten,als diese Schlacht die mangelhafte Heerführung, die Zwietracht und den kleinlichen Neid,die unter den höchsten Befehlshabern herrschten, und die Fäulnis in der französischenArmee selbst, deren glänzende Elite-Reiterei sich von den englischen und hannöver'jchen