6 EINLEITUNG.
„ward für Zeitverlust angesehen. Ihre Kinder wurden nicht alle„gleich behandelt, bei einigen hatte Vorliebe statt. Die Predigten„an Sonn- und Feyertagen in der Kirche nachzuschreiben, auch„zum Gebet wurden der Frau Gräfin Kinder sorgfältig an-gehalten. Auf die göttliche Vorsehung sich verlassend, war sie„für das zukünftige Schicksal ihrer zahlreichen Kinder wenig„besorgt, machte auch ihren Gemal darauf nicht aufmerksam,„und hielt dergleichen Plane für Sünde. Ihr genügte ihre Kinder„zu geistigen Geschöpfen für ihr ewiges Wol besorgt zu machen,„und ihnen solche Gesinnungen einzuflössen, dass sie dieses„Leben nur als einen Durchgang nach dem ewigen Vaterland„betrachten sollten. Für das geräuschvolle und geschäftige Leben„der grossen Welt, für die in derselben unvermeidliche Bekannt-schaft mit heftigen Leidenschaften und Begierden war eine„solche Erziehung eben keine Vorbereitung. Als Wittib bedauerte„die Frau Gräfin in ihren lezten Lebensjahren die traurigen„Folgen, welche eine allzuscharfe und überspannt andächtige„Erziehung bey ihrem ältesten Sohne, dem Grafen Adolf von„Zinzendorf nach sich gezogen. Diese Vorwürfe, von welchen„sie kein Geheimniss machte, beweisen, dass ihre Absicht jeder-zeit redlich, aufrichtig, und nach ihrer Einsicht mit der„grössten Treue auf das beste ihrer Kinder gerichtet gewesen.„Vielen Verstand und viel Wissenschaft hatte die Gräfin, es„waren diese Vorzüge der Gottesfurcht und dem Streben nach„religiöser Vollkommenheit untergeordnet. Dann und wann„wurden die jüngern Kinder der Willkühr unweiser und un-artiger Hofmeister und Instructoren, die sich gut zu verstellen„wüsten, gänzlich überlassen, so dass in diesem frommen Hause„ihre Sitten dennoch nicht wenig Gefahr liefen. Die meisten„unter der Gräfin Kinder gewannen mittelst einer solchen Er-ziehung nach Unterschied ihrer natürlichen Anlagen mehr oder„weniger tiefen Eindruck von Religion, Tugend und Reinigkeit„der Sitten. Manche gewöhnten sich an anhaltenden und un-