II
Vorwort.
welche die Archive fast aller deutschen Siaaten und auch außerhalb des großenVaterlandes über Mitglieder seines Hauses enthielten, wenn er den Reichthumdes Stoffes gewahr wurde, den die diplomatischen und andere Publicationender Neuzeit für die Geschichte seines Hauses darboten. Wem von der geistigenBegabung des Grafen, wem von seiner Begeisterung für die Herrlichkeit deutscherGeschichte, wem von seinem Eifer für die Erforschung der Vorzeit seines Hau-ses hätte da der Trieb gefehlt, die Grundlagen der Geschichte desselben aufsNeue und umfassend zu sammeln und sie nach seilten Kräften zu einer licht-und mahrheitsvollen Darstellung zu gestalten? Und bei solchem Streben tratvor seilte Seele die göttliche Providenz, daß von allen den vielen gewaltigen,einst in Glanz und Macht waltenden Grafenhäusern im Harzgebiete kein ein-ziges mehr der Gegenwart erhalten war, als der in blüthenreicher Krone pran-gende Stamm der Grafen zu Stolberg. Entblättert hatten die Jahrhunderteund verdorren lassen den Stamm jener vielen mächtigen Häuser der Harzgrafe»,aus uraltem germanischem Blute entsprossen, der Mansfelder und Hohnsteiner,der Klettenberger lind Regensteiner, der Blaukenburger und Wernigeröder, dervon Lohra und von Schladen, der Lauterberger und Scharzfelder, alle dienäheren und ferneren Nachbaren der Stolberger Grafen und ihre Blutsfreundeund Bundesgenossen.
Drei bis vier Jahrzehnte vor seinem Dahinscheiden bildeten den Zeitraum,in welchem Graf Botho seine Arbeit begann und fortführte. War sie auchzunächst auf die Erlangung alles ihm erreichbareil Quellenmaterials gerichtet,das sich außer in den Hausarchiven noch fast aller Orten und Enden, hier ingrößerer, dort in geringerer Fülle vorfand, so zog er doch bald seiner Aufgabeeilgere und bestimmtere Grenzen und lenkte seine Studien ganz vornämlich aufdie Erforschung des Ursprungs und der Anfänge des Geschlechtsund auf die Sammlung des urkundlichen Materials für eine Darstellung dermittelalterlichen Geschichte seines Hauses. Denn keine Periode derselbenfand er so vernachlässigt, so ungenau und verworren überliefert, so entstellt durchhaltlose Traditionen und sagenhafte Nachrichteil, als jene und er hielt es, soreich auch die Quellen für die spätereil Jahrhunderte der stolberger Geschichteflössen, so anziehend und lockend ihm auch ein näheres Eingehen auf die Geschichteeinzelner seiner Vorfahren aus der jüngern Zeit und auf die Verhältnisse desgroßeil Hallsbesitzes im 16. und 17. Jahrhundert erschien, doch für die nöthigsteund wichtigste, ja auch für die fesselndste Aufgabe, der Erforschung lind Dar-stellung der ältern Vorzeit des Hauses seine Kraft zu widmen. Mit rastloserThätigkeit, eiserner Willenskraft, ohne Scheu vor Mühe und Opfern ging derverewigte Graf an sein schwieriges Werk. Wahrlich, sein Gegenstand verlohntesich der Arbeit. Die meisten Archive Nord- und Süddeutschlands wurden durch-forscht,hier durch ihn selbst auf Reisen, dort durch Vermittelung der Archivare, deren