Gewaltthäter umzustempeln und die Bedränger als die Bedrängtenhinzustellen. Das grausame Unrecht, welches die Gessler zu An-fang des 15. Jahrhunderts durch die Schweiz wirklich erlitten, dassollten sie selber schon zu Anfang des 14. an der Schweiz Ver-übt gehabt haben; so wiederholte sich die Fabel vom Lamme,welches immer den Bach getrübt haben muss, wenn der WolfGründe sucht, es zu verschlingen. Freilich dachten dabei diesesich und ihr Völklein beschmeichelnden Chronisten nicht entferntdaran, dass eben die Dokumente, in denen der an den Gesslernbegangene Raub einbekannt steht, in den Landesarchiven erhaltenbleiben würden und eines Tages zusammen ans Licht gezogenwerden könnten, zur Steuer der unverjährbaren Wahrheit und zurEhrenrettung des so lange und so weithin verleumdeten alt-schweizerischen Edelgeschlechtes.
Der erste unter den schweizerischen Annalisten, welcher denNamen Gessler nennt und mit dem Aufstande der Waldstätte inVerbindung bringt, ist Schälly, der von 1445 bis 1480 Land-schreiber in Obwalden gewesen war und daselbst die kleine Chro-nik des Weissen Buches zusammentrug. Die Grafen vonTirol, erzählt er, seien als die Erben der Habsburger, in denBesitz der Waldstätter Vogteien gekommen und hätten .dahin dieVögte Gessler und Landenberg gesetzt. Woher hat dieser ge-schichtlich ganz ununterrichtete Mann die Namen dieser beidenAdelsgeschlechter und wie kommt er darauf, sie politisch zupaaren, ja nach Amt und Amtsführung zu vereinbaren ? Er kenntund entnimmt sie aus den politischen Ereignissen, die in seineeigne Lebensperiode fielen und in seiner nächsten Nachbarschaftspielten. Der aargauische Ritter Hermann Gessler von Brunegg,herzoglicher Landvogt, war 1440 gestorben, also nur fünf Jahrezuvor als Schälly sein Schreiberamt in Obwalden antrat. Aufder Burg Grüningen hatte Gessler das verfallene Burggesäss, »foman Landenberg nennt,« neu und wehrhaft aufgebaut und esschliesslich sammt Stadt und Grafschaft Grüningen um 8000 Guldenan die Stadt Zürich verpfändet. Hierüber zerfiel er mit seinemLehensherrn, Herzog Friedrich IV., Herrn der GrafschaftTirol, und musste es erdulden, dass dann dieser rachsüchtigeFürst des Landvogts Diener, den Schlatter von Zürich, auspfändenund blenden liess. Diese Thatsachen sind's, welche dem Schällybei Abfassung seiner Chronik im Gedächtnisse schweben. Aberer schraubt sie um ein Jahrhundert zurück, um sie der Teilen-