Druckschrift 
12 (1856)
Entstehung
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westlich erhebt sich das walveckische Hochland und nördlichschaut inan bis zu den Weserbergen und bis in die Gegend vonHörter.

Hinter dem Gebäude breitet sich eine geräumige Flächeaus, in deren Mitte das Staatsgut Sichelbach liegt; rechts vondiesem befinden sich, zum Theil von schroffen Bergwänden um-schlossen, die habichtswalder Braunkohlenbergwerke, und links be-ginnt das Thal der bei Kassel in die Fulda fallenden Ahne,eine enge felsige Schlucht, welche sowohl dem Freunde wilderNaturszenen, als dem Geognosten einen gleich reichen Genußbietet, und von Kassel aus häusig besucht wird. An die Frontedes Niesenschlosses aber knüpfen sich die Kaskaden, welche, rechtsund links von Tannen umrahmt, und auf jeder Seite mit be-quemen Stiegen versehen, den Abhang des Berges hinabziehen.Zunächst unter dem Niesenschlosse liegt eine offene mit dreiBogenöffnungen versehene Grotte, in der ausser zwei andernStatuen auch die eines Paus sich zeigt, welche auf einersiebenröhrigen Hirtenflöte weit hinhallende Weisen bläst, diedurch eine verborgene Wasserorgel erzeugt werden. In die-ser Grotte, die zu beiden Seiten zwei kleinere Grotten hat,befinden sich die s. g. Verirwasser, kleine nach allen Richtungensich kreuzende Wasserstrahlen. In der Mitte dieser amphithea-tralisch geformten Grotten liegt das also genannte Artischocken-Bassin, aus welchem ein Strauß von Fontainen empor steigt,von denen die mittelste eine Höhe von 40 Fuß erreicht. Weiterherab liegt das große 105 Fuß lange Niesenbassin, in welchemder Niese Enzeladus, unter einer ungeheuern Fclsenlast ver-schüttet, aus seinem sieben Fuß weiten Munde einen 55 Fußhohen Wasserstrahl ausspeit, während über die 77 Fuß hohenKlippen schäumende Fluthen herabbrausen. Hier erst beginnendie eigentlichen Kaskaden. Ihre Länge beträgt 890 und ihreBreite 40 Fuß. Sie sind dreifach und werden von 150 zu150 Fuß durch Bassins unterbrochen. Unten strömen die Ge-wässer über die Grotte des Neptuns herab in ein Bassin von220 Fuß Durchmesser, in ihrem Falle die Bogenöffnungen jenerGrotte mit einem herrlichen Wasserschleier nmwebend. Nach demanfänglichen Plane sollten die Kaskaden noch 2090 Fuß weiter biszum Bassin vor dem Schlosse ausgeführt und hier ein neuesSchloß gebaut werden, wozu es indeß nicht kam.

Beide, sowohl das Niesenschloß wie die Kaskaden, sindaus großen Felsenmassen von Tuckstcin erbaut, dessen dunkeleFarbe dem Ganzen das Ansehen des höchsten Alterthums ver-leiht.

Der Gründer jener Werke ist Landgraf Karl. Dieser Fürst,der, wo es Großartiges und Schönes zu schaffen galt, auchdie größten Opfer nicht scheute, faßte, durch die herrlichen Um-gebungen des klösterlichen Lustschlosses Weissenstein gereizt, denPlan, hier ein Werk hervorzurufen, welches sowohl in seinerArt, als in seiner Größe einzig in Europa seyn sollte. Er be-absichtigte keine neue Stadt zu begründen, kein Kanal sollte

gegraben werden, es galt überhaupt nicht den materiellenInteressen der Menschen, es galt vielmehr der Schaffung einesgroßartigen Kunstwerks. Im Jahre 1096 wurde die erste Handangelegt; doch waren die Arbeiten in diesem und auch in dennächsten Jahren noch so beschränkt, daß die Kosten derselbenjährlich kaum 6 bis 700 Thaler betrugen. Erst nach seinerReise durch Italien (Dezember 1699 bis März 1700) scheinensich durch den Anblick der dortigen Werke, und namentlich durchden Besuch der Wasserfälle und Wasserkünste zu Terni, Tivoliund Fraskati, die Ideen des Landgrafen erweitert und zu einemgroßen umfassenden Plane gestaltet zu haben. Nachdem erden Italiener Gioanna Franco Guerniero zur Leitung desBaues mit jährlich 1006V» Thaler Gehalt in seine Dienstegenommen und im Herbst 170 l mit demselben über die Aus-führung des Unternehmens das Nähere festgesetzt hatte, erhieltmit dem Jahre 1702 die Arbeit einen lebendigen: Schwung,und wurde seitdem ohne Unterbrechung fortgesetzt und 1713 vol-lendet. Im ersten Plane lag aber noch nicht die Pyramide mitder Bildsäule des Herkules. Das Geländer der Plateforme desOktogons sollte mit steinernen Statuen geschmückt werden undunter diesen auf der Fronte des Gebäudes eine der jetzigen ähn-liche, durch ihre Größe mehr hervortretende Statue des Herkulesaufgestellt werden. Schon war der dazu bestimmte 19 Fuß langeund an 700 Kubickfuß haltende Steinblock in den balhornerBrüchen gelöst und im Rohen ausgearbeitet"), als der Landgrafsich entschloß, statt dessen eine hohe zu 14000 Thalern veran-schlagte Pyramide zu bauen und diese mit einer kupfernen Sta-tue des Herkules zu krönen. Im September 1713 schloß er zudiesen: Zwecke mit seinen: Baumeister einen Vertrag und schonnach einjähriger Arbeit (1714) stand jene Pyramide vollendet;die Statue aber, welche der Hofkupferschmied Otto PhilippKüpper zu Kassel über einem hölzernen Modelle ausarbeitete,wurde erst 17l7 aufgestellt. Die Kosten des ungeheuren Bauesbetrugen schon im Jahre 1710 nicht weniger als 200,007 Tha-ler. Die Gelder wurden aus den verschiedensten Kassen genom-men; die Kammerschreiberei-, die Kriegs-, die Bergwerks-, dieLizent-, die Wolfsjagdgeldcr- und andere Kassen mußten allebeisteuern; ja man ließ, um Geld zu erhalten, oft Tausend undmehr Stück Nothwild schießen und zu festen Preisen an die Ge-meinden vertheilen und zwar dergestalt, daß man die Zahl derabzunehmenden Stücke nach der Größe der Bevölkerung bestimmte.Außerdem wurden im Jahre 1702 täglich 30 Bauern ausden nächsten Dörfern angewiesen, sich Morgens 4 Uhrauf dem Walde einzusenden und für täglich einen Viertel Gul-den bis Abends halb acht Uhr als Taglöhner zu arbeiten.

Der Block war bereits aus dem Bruche eiue Stuude weit fortgeschafft,uud liegt noch jetzt bei Martiuhagen. Schon hat das Volk dieursprüngliche Bestimmung desselben vergessen, und gibt ihn für einuraltes Bild eines heidnischen Gottes seiner Bäter ans.