altcrlichen Burg betrachten; wir haben sie schon oben eineDichtung genannt, und halten diese Bezeichnung für um sopassender, als wir in ihr nur eine veredelte Nachbildung erken-nen können.
Die Löwenburg stellt sich uns als eine, bereits imVerfalle begriffene, doch noch bewohnbare Burg des vierzehn-ten Jahrhunderts dar, und sowohl ihre von grauem Tuffsteinaufgeführten, dem Scheine nach vom Alter geschwärzten, mitMoos und Epheu überzogenen Mauern, als mehrere zum Theileingestürzte Thürme erheben diese Täuschung zu einer Wahr-heit, wie wenigstens wir sie bei keinem ähnlichen Werke wie-der gefunden haben.
Das Ganze bildet ein längliches Viereck, und wird voneinem trocknen Graben umschlungen, über den südlich und nörd-lich Zugbrücken zu den beiden, mit eisernen Fallgittern versehe-nen Thoren führen, durch die man auf den geräumigen, vonmehreren Linden beschatteten Hof gelangt. Gegen das Thal hinbefinden sich die, im Geschmacke vorzüglich des 16. und 17. Jahr-hunderts ausgeschmückten Wohnzimmer, sowie der 92 rh. Fuß überden Burghof aufsteigende Hanptthurm, welcher ausser dem Speise-saale auch den Rittersaal enthält, und von dessen Zinnen sicheine ebenso weite, als reizende Aussicht darbietet, indem derBlick bis zu den Höhen des Harzes und des Thüringerwaldeszu schweifen vermag.
Die gegenüberliegende Seite umsaßt dagegen den Marstall,die reich mit alten Rüstungen, Waffen und Fahnen ausgestatteteRüstkammer, und die Bnrgkapelle, zu der ein kleiner Vorhofführt, auf dessen steinerner Einfassung die Statuen des heiligenBonifaz, durch die Art und den unter seinem Fuße liegendenThor, an den Fall der Donnereiche bei Geismar und die Be-kehrung der Hessen erinnernd, und die Schutzpatron«: des hessi-schen Hauses, die heilige Elisabeth stehen. Die Fenster derKapelle sind sämmtlich ans gemaltem Glase zusammengesetzt, dasans verschiedenen alten Kirchen des Landes (vorzüglich ansdenen zu Obernkirchen, Jmmenhausen und Dagobertshauscn)gesammelt worden ist. Im Innern findet man eine kleineKanzel, einen Altar, eine Anzahl von Kirchenstühlen und dasGrabmal eines Ritters, dessen kolossales, in voller Rüstungdargestelltes Bild, ans demselben ausgestreckt liegt.
Das Gewölbe, welches sich unter dieser Kapelle befindet,hatte Kurfürst Wilhelm I. zu seiner Ruhestätte gewählt, demgemäß auch seine irdische Hülle am 1-1. März 1821 in dem-selben mit großer Feierlichkeit beigesetzt wurde. Der auskarrarischem Marmor gefertigte Sarkophag trägt die Inschrift:UiN'inorv Iwo intlnmm «inie-mit villuv Imnm eonelilor, (lnilolimm8. 6. 1. lAtmwr, IliMLme Imml^ravins, ll. L. vixit n. IMXVI.
VII. <1. XXVIII.
An der Hauptwand des Grabgewölbes befindet sich einallegorisches Hantrelief von 9 Fuß Länge und 1 Fuß Höhewelches den Empfang deö Kurfürsten im Elisinm darstellt.
An die Burg schließt sich der im steifen holländischenGeschmacke angelegte Burggarten, so wie auf der entgegengesetztenSeite eine jetzt mit Bäumen bepflanzte Nennbahn.
Man ging ehemals mit der Absicht um, einen Bach überdas Gebirg und in den Burggraben zu leiten, der, wäre eszur Ausführung gekommen, unter der Burg einen sehr bedeu-tenden Wasserstnrz gebildet haben würde. Tief unter der Burgliegt eine Fasanerie.
Um bei unserer fernern Wanderung dem Gange der Was-serkünste folgen zu können, begeben wir uns sofort zu der Höhedes Gebirges.
Das Niesen schloß und die Kaskaden.
Das großartigste Werk, welches Wilhelmshöhe besitzt, sindseine Kaskaden und das über denselben sich aufthürmendcNiesenschloß. Dieses kollosale, man kann sagen, nicht fürMenschen, sondern für Giganten geschaffene Gebäude liegt ineiner sanften Einbiegung der Stirn des langgestreckten mit demüppigsten Grün bekleideten Waldes — auf dem 12-19 rh. Fußüber dem Spiegel der Fulda sich erhebenden Karls berge, dessenalter Name, Winterkasten, noch jetzt in: Munde des Volkesfortlebt. Es bildet in seiner Form ein gewaltiges 92 rh. Fußhohes Achteck (Oktogon) von 221 Fuß Durchmesser, und bestehtaus drei über einander gebauten Kreuzgewölben, von denen dasdritte von 192 gekuppelten, 18 Fuß hohen, Säulen getragenwird und oben sich in eine geräumige Platesorme ausbreitet. Viervon Außen angebaute Treppen führen zu dem ersten, gleichwievier andere zu dem zweiten Geschosse; zu der Platesorme aberleitet eine Wendeltreppe. In dem Innern befindet sich ein83 rh. Fuß im Durchmesser haltender achteckiger Hof mit einemgleichförmigen tiefen Wasserbehälter von 19 Fuß Durchmesser.Ueber jene Platesorme erhebt sich eine aus fünf übereinandergefetzten Gewölben bestehende Pyramide von 996» rh. FußHöhe, von welcher die kupferne 31 Fuß hohe Bildsäule desfarnesischen Herkules herabblickt. Diese Bildsäule, deren Schei-de! sich 1167 rh. Fuß über die Fulda erhebt, steht auf einemWürfel, aus welchem man in das Innere des Kolosses steigt,dessen Keule allein neun Personen aufzunehmen vermag. DieAussicht von hier ist ausserordentlich. Alles Leben und Regenschwindet dem Blicke in der grausigen Höhe und nur noch Bergeund Thäler, Fluren und Wälder, Städte und Dörfer bleibensichtbar. Ausgebreitet, wie eine große Karte, liegt das Hessen-land mit seinen dicht gereiheten Bergen, und noch weit überdessen Gränzen hinaus schweifet das vergeblich nach einemNuhcpunkte suchende Auge. Am nordöstlichen Horizonte zeigt sichdeutlich der Brocken, östlich erblickt man den Jnselberg und dieWartburg, mehr südöstlich den Baier bei Lengsfeld und dieHöhen der Nhön, südlich den Herzberg und die Altenburg beiAlsfeld, hinter denen der Vogelsberg seine Gipfel aufwirft;